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Ein Weihnachtstext
Das dritte Mal erscheinen rote und grüne Dekorationen, während in viertausend Kilometer Entfernung ein gesamtes Volk ausgelöscht wird. Ich bemerke die Feiertage kaum noch. Ich war auf keinem Weihnachtsmarkt, die Geschenke die ich gekauft habe waren automatisch. Ich bemerkte Weihnachtsmusik im Supermarkt und dachte automatisch „schon?“ bevor ich realisierte, dass es schon Anfang Dezember war.
Es ist erstaunlich, wie sehr ich mich von der Gesellschaft, in der ich lebe, entfernt habe. Wir sehen nicht dieselben Video, lesen nicht dieselben Nachrichten, führen nicht dieselben Gespräche. Es ist nicht dass ich nicht übers Wetter reden kann, es ist nur, dass ich nicht mit jemandem über das Wetter reden kann, mit dem ich nicht auch über den Genozid reden kann.
Das dritte Jahr in Folge sehe ich, wie Menschen Jesu Geburtsort benennen, ohne es als genau das zu begreifen – einen Ort. Ein Zuhause. Eine Stadt. Nur eine Stadt, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe Freund*innen, die als Geflüchtete in Bethlehem geboren wurden, und doch unterstützt ein Großteil der Kirchen lieber existierende Machtstrukturen, als den# tatsächlichen Lehren der Bibel zu folgen. Ich bin bei keinem Maß eine vorbildliche Christin, aber sollten sie es nicht sein? Wie können ihre Worte noch immer so hohl klingen?
Dieses Jahr war das erste Mal in drei Jahren dass ich nicht in Palästina war. Ich vermisse es schmerzlich. Ich vermisse meine Freunde, ich vermisse die Menschen, ich vermisse die Ruhe, die mich überkommt, wenn ich die kognitive Dissonanz verlasse, die Deutschland beherrscht. Ich liebe es, in der Levante zu sein. Obwohl mein (syrischer) Freund darauf besteht, dass „ein Besuch in einer heißen Kriegszone nicht als Urlaub zählt!“ werde ich trotzdem irgendwie bombardiert als angelogen.
Menschen sind genervt mit uns, dass wir immer noch über Palästina reden. Gibt es nichts anderes zu besprechen, reicht es nicht, es gibt doch einen Waffenstillstand, sagen sie. Man nennt mich aggressiv und wirft mir vor dass ich „einfach das Thema nicht ruhen lassen kann, obwohl ich nichts tue als die Kufiye um meinen Hals zu tragen. Ich öffne meine Sozialen Medien und lese von einer Hochzeitszeremonie, die zerbombt wurde, diejenigen die gerade noch die Verbindung zweier Leben feierten nun unwiederbringlich zerstört. Bilder von toten Kindern tauchen immer noch in meinen Feeds auf, ihre blutigen Körper trotz des Klischees nicht weniger tot. Ich lese von den Politiker*innen mit dem Wunsch nach Wiederaufrüstung Deutschlands, und ich lese von der Drohung eines neuen Krieges in meiner anderen Heimat, und ich weiß welche wahr ist und welche nur einer weiteren Schaffung von Zustimmung für autoritären Umbau dient.
„Du hast nicht über Berlin geschrieben“, sagt mein Lektor in einer Email kurz bevor er mein ehemaliger Lektor wurde. „Ich kann nicht über Berlin schreiben“, antworte ich nicht, denn was wäre der Zweck, „weil ich nicht mehr weiß was ich sagen soll.“
Meine Freund*innen und ich laden einander zu Activist Speeddating und Geschenkabenden gegen Privateigentum ein. Ich gehe zu einer Hanukkaparty und sage meiner Mutter, dass ich dieses Jahr nicht nach Hause komme. Mein Kopf kann die Gewalt, die wir durchleben, nicht begreifen, selbst nach so viel Zeit. Ich kann nicht trauern – ich wüsste nicht, wo ich anfangen soll.
Ich greife eine der vielen Printshirts aus meinem Schrank, die ich in den letzten zwei Jahren gesammelt habe. Mein liebstes trägt die Aufschrift „If I throw a stone, it means I reject injustice.” Ich war nie eine gute Konsumentin, aber inzwischen habe ich es auf fast nichts reduziert und kaufe vor allem auf Fundraisers. Wie hält man erzwungenen Konsum aus seinen Feiertagen? Versucht es doch mit einem Völkermord.
Ich bin so, so abgekoppelt von der Gesellschaft um mich herum, aber ich weiß gar nicht ob ich überhaupt noch verbunden sein will. Nichts fühlt sich echt an. Ich kriege noch eine Absage für meine Kunst, und noch eine, und erinnere mich an das extrem gut inszenierte Stück über den Mann im mittleren Management, der Kokain und Gier anheimfällt, und wie ich mitten im genießerischen Zuschauen plötzlich dachte – warum das alles?
Warum wird diese Geschichte auf einer der prestigeträchtigsten Bühnen der deutschsprachigen Theaterwelt gespielt, während andere systematisch ausgeschlossen werden?
Es liegt ein Schmerz in der Erkenntnis, dass ein Großteil der Menschen einfach weiter ihr Leben leben, nicht nur als ob es keinen Krieg in ihrem Land gäbe, sondern als ob sie sich nie um einen andern Ort sorgen müssten. Sogar Jahre später liegt darin Schmerz.
Ich weiß nicht, wohin wir gehen. Wir kämpfen weiter, und wir werden weiter kämpfen. Kurz vor Sonnenaufgang ist es immer am kältesten, und Verzweiflung ist ein Luxus den wir uns nicht leisten können, aber verdammt, ein bisschen Licht wäre schön.
Wessen Gewalt?
Dieser Text sollte eigentlich letzte Woche fertig werden, zum ersten Jahrestag der Pagerangriffe. Doch mein Körper wollte es anders. Wie praktisch, dass sich die bedeutenden Tage streuen wie weißer Phosphor: Heute vor einem Jahr begann der Krieg israels gegen den Libanon.
Am 17. und 18. September 2024 fanden im Libanon die Pagerangriffe, ein bis dahin unvorstellbare Angriff, bei dem tausende Pager – kleine elektronische Geräte, die wohl vorher mit Sprengstoff ausgestattet worden waren – simultan und ferngesteuert in die Luft gingen. Tausende Explosionen erschütterten das ganze Land, egal wo die Besitzer gerade waren – beim Einkaufen, bei der Arbeit, in Privathäusern.
Die erste Welle Angriffe fand am Nachmittag des 17. September statt. Pager sind wie kleine, altmodische Handys. Laut vielen Berichten klingelten sie, Menschen zogen sie aus den Hosentaschen oder liefen zu ihnen hin, um nachzusehen – dann gingen sie in den Luft. Über 2800 Menschen wurden verletzt, mindestens zwölf starben, darunter ein neunjähriges Mädchen. Am Tag darauf die zweite Welle – diesmal nicht nur Pager, sondern auch Walkie-Talkies. Einige der Explosionen fanden bei Beerdigungen der am Tag zuvor Getöteten statt. Mehr Tote. Mehr Verletzte. Mehr Terror.
Insgesamt wurden 42 Menschen getötet und über 4000 Menschen verletzt. Angeblich galten die Angriffe Hezbollah-Mitgliedern, doch die reine Art der wahllosen Explosionen macht es klar, dass jedes Opfer recht war. Hunderte und aberhunderte Menschen verloren Finger und Augen oder erlitten starke, lebenslange Verletzungen im Gesicht und am Rest des Körpers - verlorene Finger, Erblindung, Narben über das ganze Gesicht.
Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu schreiben.
Der 17. September war ein Dienstag. Ich verbrachte den September 2024 im Libanon, entgegen Warnungen und Empfehlungen. Ich war gerade in Beirut im Zirkus angekommen, in dem ich Arbeit und Freunde gefunden hatte, als mich meine Tante anrief.
Jara, geh nach Hause und bleib dort.
Um mich herum wurde der Luftring aufgehangen, Kinder übten Handstand, ein Jongleur warf eine Keule weit in die Luft. Ich blieb für meinen Akrobatikkurs – was soll man schon machen? – und versuchte, nicht auf die Nachrichten zu schauen.
Am Abend saß ich mit meinen Mitbewohnern im Wohnzimmer. Sie hatten mich wortlos in ihre Runde aufgenommen, obwohl ich nur für einen Monat da war. Eine Hash-Zigarette nach der anderen zog ihre stillen Kreise. Worte waren nicht wirklich notwendig. Wir sprachen darüber, ob wir etwas zu essen bestellen sollten. Lieber nicht, die Straßen waren voll, es sei kein Durchkommen. Ein Freund aus den USA klingelte – er war mich besuchen. Er berichtete von den vollen Korridoren im Krankenhaus, wo er versucht hatte, für die Verletzten Blut zu spenden. Bis auf die Straße sollen die Verletzten und die Gebewilligen gestanden haben.
Am nächsten Tag sahen wir auf unseren Bildschirmen, wie wenige Kilometer entfernt bei den Beerdigungen der soeben Getöteten weitere Explosionen losgingen. Die Trauernden stieben in Panik auseinander. Ich konnte eine Freundin, die im Süden Beiruts wohnt, über einen Tag lang nicht erreichen – als sie mir endlich schrieb, erzählte sie, dass ihre Tante im Schock nach Hause gekommen sei. Das Gerät des Mopedfahrers vor ihr auf der Straße sei in die Luft gegangen. Meine Freundin hatte danach 24 Stunden lang ihr eigenes Handy nicht angerührt, aus Angst, auch das würde in die Luft gehen.
Wäre das Leben ein Spielfilm, wäre das der große Moment, der die Handlung der Geschichte auf ewig verändert. Doch in den Spielfilmen sind Araber*innen immer nur die Täter – nie die Opfer.
So ergoss sich der Schwall der Ignoranz, der Verachtung, und der Häme vom Westen über die Opfer des Anschlags.
In der deutschen Presse geiferten diejenigen, die Staatsgewalt nur aus ihrem bequemen Armstuhl kennen, über die sexuelle Konnotation des Angriffs. Weil viele Männer die Pager zum Zeitpunkt der Explosion in der Hosentasche hatten, ergötzten sich weiße Europäer*innen über die Idee, den arabischen Mann durch technische Meisterleistung buchstäblich kastriert zu haben. Es war ein Sieg des starken Westens über die barbarische, animalistische arabische Welt, die nun seiner Macht und Würde im Sinnbild des Penisses beraubt war – entmachtet, entrechtet, erniedrigt.
Die Angriffe wurden für ihre technische „Meisterleistung“ gefeiert oder trocken erwähnt. Zweite Welle von Explosionen im Libanon hinterlässt hunderte Verletzte, Was beschäftigt die Jungwähler in Brandenburg?, Mittendrin aus Kobrow: Die Landbevölkerung und der Wolf, Das Wetter - so lautete die Überschrift der Tagesschau am zweiten Tag der Angriffe. Die menschlichen Opfer, der Terror, die schlichte Tatsache, dass Streubomben unter internationalem Recht illegal sind und dass israel sie trotzdem wieder und wieder im Libanon nutzt – keiner Erwähnung wert.
We die a lot. […] Cloudy skies, light showers, and 3,000 Palestinians dead in the past 10 days.
- Mohammed El-Kurd, Perfect Victims
Heute vor einem Jahr begann der Krieg israels gegen den Libanon. An diesem Tag wurden 558 Menschen im Libanon getötet. Niemand wird ihnen in Deutschland Ausstellungen widmen, niemand wird die Häuser nachbauen, die innerhalb eines Augenblicks mitsamt ihrer Insassen pulverisiert wurden, niemand wird ihnen Theaterbühnen öffnen.
In wenigen Wochen werden wir wieder sehen, wie in Deutschland Politikerinnen, öffentliche Figuren, Zeitungen, und andere ihre Betroffenheit über die Gewalt des 7. Oktober ergießen werden. Doch die Gewalt derer, die den 7. Oktober erlebten, wird nicht als solche klassifiziert. Es war israel, das für die Pagerangriffe und ihre Opfer verantwortlich war, genauso wie es israel ist, das für die Ermordung hunderttausender in Gaza verantwortlich ist, genauso wie es israel ist, das gerade gestern wieder vier Menschen – einen Vater und drei seiner Kinder, von denen zwei gerade einmal eineinhalb Jahre alt waren – im Libanon ermordete. Doch es wird als Täter unsichtbar gemacht.
Wie ich schon letztes Jahr schrieb: Wessen Gewalt wird als solche lesbar, erkennbar, verständlich? Und Gewalt gegen welche Gruppen wird unsichtbar und einfach unwichtig gemacht?
Die Pagerattacken, ihre Opfer, das Leid und die Angst, die sie verursachten, wurden zur Nebensache erklärt. Debatten in deutschen Zeitungen fragten sinngemäß „Joa, kann man das machen oder soll man’s lieber lassen?“ Das Gewicht, welches dieses Ereignis für diejenigen hatte, die es durchleben musste, wurde schulterzuckend ignoriert. Netanyahu überreichte Trump einen goldenen Pager, eingelassen in einen Olivenbaum, der tausende Jahre älter als beide Länder sind, über die diese Massenmörder herrschen.
In unserer heutigen Welt ist es nicht Gewalt an sich, die für verachtenswert erklärt wird, sondern nur die Gewalt der Entrechteten gegen die Mächtigen. Wird eine deutsche Frau von einem Geflüchteten erschlagen, hagelt es Schlagzeilen. Doch wird sie, statistisch viel wahrscheinlicher, von ihrem Ehemann erstochen, bleibt die Gewalt gegen sie unsichtbar. Stirbt ein israeli bei einer Barprügelei, ist das keine Nachricht wert. Doch stirbt er unter den Gewehrkugeln eines Palästinensers, ist es eine Sendung zur besten Stunde. Hätte Luigi Mangione statt einem CEO eines Milliardenunternehmens einfach seine Freundin getötet, hätte die Welt nie seinen Namen erfahren.
Nur manches Leben ist, in dieser Logik, der Verteidigung wert. Andere sind nicht die Tinte wert, mit denen ihre Nachrufe gedruckt werden, oder die Pixel, die ihre Meldungen auf unseren kostbaren Bildschirmen blockieren.
Heute wie vor einem Jahr gilt – für den Westen ist mancher Kinder Blut weniger wert als anderer. Für ihn sind manche Menschen geboren, um zu sterben.

- ein Kunstwerk in Beirut
We need to stop the police
Thursday evening, Berlin police punched Irish activist Kitty O’Brien in the face multiple times and broke their arm during a protest for Gaza. Kitty is seen lifting their bloodied hands to the cops and screaming “you don’t scare us!” The video of the assault on Kitty has gone viral, at least outside of Germany - in Germany, coverage remains very limited.
While it's amazing and long overdue that Germany gets held accountable for its treatment of Palestine solidarity protesters, especially in Berlin, let's not forget that this was by far not the first time the Berlin police punched someone bloody because of their solidarity with Palestine.
Most of this violence is directed at young Arab men - the ones most easily villainized.
This is not the first time a Palestine protest saw blood. The Berlin police broke a journalist's back, a protester's shoulder, caused lingering nerve damage to several people's arms after using pain grips, dragged people away by the neck, punched them while they were lying on the ground, and regularly send people to the hospital.
Hell, even I've been punched in the face by the cops.
All this to say - full solidarity with Kitty, and it's good that international attention is finally being drawn to Germany's despicable attempt to silence criticism and maintain control over the historic narrative through brute force, but this wasn't the first nor will it be the last time.
I've been thinking this for a while, and hesitated to say it, because I don't want to cause panic, but - if the Berlin police aren't reigned in, it's only a matter of time until they kill one of us.
The quartz gloves many officers wear are heavy, with the goal of putting more force being a punch. This can easily be fatal.
However, I actually think the more likely scenario is that someone will be crushed to death.
The Berlin police love to trap Palestine liberation protesters in enclosed spaces. If you've ever been in a kettle, with dozens of bodies around you, police pummeling on all sides, you know what I'm talking about.
On October 6th last year, I attended the large protest in commemoration of one year of genocide and German lies. I wound up in the second row of protesters: in front of me, another chain of protesters, and before that, dozens of police in full riot gear. Behind me, more people pressing in, desperate to break through the ranks of cops. The police attacked. They shoved the person in front of me, who fell against me. I tried to step back but couldn't. Having nowhere to put my feet, we fell like dominos: the guy on top of me and two cops on top of him.
I'm not a very large person, but the weight of three bodies is enough to crush anyone.
I was so winded I couldn't even scream. The combined weight on my chest made breathing impossible.
Luckily for me, the cops let off of us after about 30 seconds and I could scramble away. I left that protest bleeding between the eyes from where cops had smashed my glasses into my face, peppersprayed, and dazed.
Hitting someone with reinforced gloves on just the wrong spot. Throwing them backwards and they slam their head unluckily. Pepper spray causing an asthma attack. Panic attacks leading to collapse. Crushing.
I don't want to fear monger. But this is my analysis: it's only a matter of time until they kill one of us.
Of course, they've killed before. 2024 was the deadliest year in terms of police violence since the start of record-keeping in Germany. Lorenz, Oury Jalloh, Mohammed Drame - the deadly individual violence is disproportionately aimed at Black people and those with mental illnesses.
We need to stop the police, especially the Berlin police. They have been given immunity from their violence for too long.
This justice won't come without pressure from abroad. Not a single police officer has faced consequences for brutalizing Palestine protesters. The head of the German police union publicly refused to comment on his vice chair's disturbing and incendiary tweets against Palestine protesters when I challenged him during a debate. Berlin politicians so far have either fully supported or at least looked away from the violence that the police unleash, often reversing victim and perpetrator and blaming the protesters for the police's brutality.
We need to keep the context in view. This violence is used to silence dissent against genocide, which Germany continues to support materially and ideologically.
You want to really understand how repression in Germany works? Here you'll find a link to the report I helped write with several wonderful, committed activists. It's 70 pages long, and still we had to leave out so much.
First published on Instagram.
In unseren Ländern sind wir keine Ausländer
Ich führte dieses Interview mit Jamila (Name verändert) am 7. April 2025 für einen Artikel über queere Palästinenser*innen in Berlin. Jamila ist eine jordanisch-palästinensische Transfrau, die ich durch eine queere arabische Partyreihe kennen, für die wir beide gearbeitet und performt haben.
Das Interview war über eine Stunde lang. Jamila beschrieb im Detail viele verschiedene Aspekte ihrer Erfahrungen in Deutschland. Natürlich konnte ich nur einen kleinen Teil davon in den Artikel selbst einbauen, also liebäugelte ich seit der Fertigstellung des Artikels mit der Idee, das ganze Interview zu veröffentlichen.
Der Artikel wurde in der Siegessäule veröffentlicht (das Magazin gibt’s gedruckt kostenlos in vielen queeren Orten in Berlin). In den sozialen Medien erhielt der Artikel massiven Gegenwind, was mich endlich dazu befeuerte, das ganze Interview druckreif zu machen.
Das Interview wurde auf Englisch geführt, weswegen ich hier sowohl das englische Originaltranskript als auch eine deutsche Übersetzung veröffentlicht. Ich entschied mich, den umgangssprachlichen Ton beizubehalten, weil Jamila alles auf wunderschöne Art in Worte fasst.
Viel Spaß.
Jara:
Fangen wir mit dir an! Erzähl ein bisschen von dir, wer bist du, woher kommst du, was machst du?
Jamila:
MashaAllah, wo sollen wir anfangen?
Marhaba, ich bin Jamila.
Ich bin eine queere Transfrau aus Jordanien. Ich bin auch ein Nakba-Enkelkind. Meine Großmutter wurde in Jerusalem geboren und 1948 aus ihrem Haus vertrieben. Ihrem Vater wurde während der Nakba ins Bein geschossen, er überlebte, aber die Familie musste zu Fuß den ganzen Weg von Jerusalem nach Jordanien gehen, wo meine Großmutter meinen Großvater traf und - hier bin ich.
Im Alter von 28 Jahren kam ich mit einem Studentenvisum nach Deutschland und beantragte dann Asyl. Jetzt bin ich ein Flüchtling, drei Jahre später, im Alter von 31 Jahren.
Ich habe in meiner Zeit mehrere Spendenaktionen für queere und transsexuelle Menschen in Palästina und in Jordanien organisiert, vor allem in den letzten 17 Monaten. Ich habe auch geholfen, Spendenaktionen für eine sudanesische Transfrau und für eine siebenköpfige Familie in Gaza zu organisieren.
Jara:
Maschallah.
Jamila:
Und ich unterrichte Arabisch aus einer queeren Perspektive, als Form des Widerstands. Als Flüchtling musste ich friedliche und legale Wege finden, um mich gegen all das zu wehren, was uns widerfährt –die Entmenschlichung von Araber*innen, nicht nur von Muslim*innen, sondern von allen Araber*innen und auch von queeren und trans Menschen in Deutschland und im Westen und in unserem Ländern.
Also dachte ich mir - was gibt es für eine bessere Möglichkeit, dies friedlich und legal zu tun, als die Deutschen und die Menschen im Westen darüber aufzuklären, wer diese Menschen sind, die sie als Terroristen bezeichnen, seit sie im Zweiten Weltkrieg mehr als 40 Millionen Menschen massakriert haben?
Also bringe ich ihnen ein wenig über unsere Kultur bei und lasse sie dann selbst entscheiden.
Jara:
Wie lange machst du diese Sprachkurse schon, und wer kommt normalerweise?
Jamila:
Ich biete sie seit vier Monaten an, und ich hätte nicht erwartet, dass die Resonanz in Berlin so überwältigend ist. Es begann mit einem Post, in dem ich schrieb, ich werde Lieder singen, über den Kampf für Palästina reden, Flirten und viele andere Dinge unterrichten. Dieser Post ging viral. Die Leute waren begeistert, und tatsächlich sind die meisten meiner Schüler Deutsche! Einige sind polnisch, einige ukrainisch, einige ungarisch, meistens osteuropäisch. Ich habe auch einige Araber, die in Deutschland geboren wurden und die Arabisch nicht richtig gelernt haben, weil ihre Eltern und ihre Familien zu viel Angst hatten, ihnen Arabisch beizubringen, damit sie in Sicherheit sind. Denn Arabisch kann eine einschüchternde Sprache für unwissende Westler sein, die die Mehrheit sind.
Jara:
Ich meine, so jemand bin ich. Ich lerne jetzt schon seit Jahren langsam Arabisch, weil mein Vater es mir nicht beigebracht hat.
Jamila:
Du auch? Du kannst jederzeit in meinen Unterricht kommen.
Jara:
Oh, ja, das werde ich.
Jamila:
Ich würde mich freuen!
Nun, ich will ehrlich sein, ich mache jetzt eine Pause vom Unterrichten, vor allem wegen meiner psychischen Gesundheit und wegen allem, was in den USA und Großbritannien gerade gegen Transmenschen vor sich geht, wie es sich auf Europa und Deutschland ausweitet, sowie wegen der Verhaftungen und Entführungen, die Menschen geschehen, die sich für Palästina einsetzen. Hinzu kommen meine eigene Genderdysphorie und die Kämpfe, die ich als arabische Transfrau in Berlin durchmache.
In meinem eigenen Land hatte ich aufgrund der kolonialen Einflüsse auf unsere Region nicht die Möglichkeit, als Transfrau zu leben. Aber - in unseren Ländern sind wir keine Ausländer.
- Jamila
Jara:
Wie war das für dich, diese spezielle Erfahrung als palästinensisch-jordanische Transfrau, die in Berlin lebt? Wo hast du vorher gelebt?
Jamila:
Oh, ich habe 28 Jahre lang in Jordanien, in der Hauptstadt Amman gelebt. Es war ein Kampf, aber wenigstens wurde ich als gleichberechtigter Mensch gesehen.
In meinem eigenen Land hatte ich aufgrund der kolonialen Einflüsse auf unsere Region nicht die Möglichkeit, als Transfrau zu leben. Aber - in unseren Ländern sind wir keine Ausländer. Wir müssen uns nicht von rassistischen Deutschen sagen lassen: „Geht zurück in euer Land.“
„Warum seid ihr hier?“
„Ausländer raus“, was heutzutage in Deutschland sehr beliebt ist.
Jara:
Und was hat dich konkret nach Berlin gebracht? Du bist mit einem Studentenvisum gekommen, was hast du studiert?
Jamila:
Es war ein totaler Zufall, dass ich in Berlin gelandet bin. Viele Leute sagen, oh, es ist so perfekt, dass du hierher gekommen bist. Ich habe die Stadt nie geplant. Ich wollte damals einfach unbedingt aus Jordanien weg, vor allem wegen familiärer Probleme und aus persönlichen Gründen.
Ich kam hierher, um meinen Master zu machen. Es war ein privates Programm, für das ich ein Teilstipendium bekam, ein Master in Informatik mit Schwerpunkt auf KI und Big Data.
Jara:
Wow!
Jamila:
Lacht Ja, viele Transfrauen arbeiten in der Technik, was soll man sagen, es hilft uns, der Gesellschaft zu entkommen.
Jara:
Das ist wahr, man kann sich gut hinter dem Bildschirm verstecken.
Jamila:
Aber ich möchte nicht mehr so sehr in der Techbranche arbeiten, wegen der Auswirkungen. Keine gute Technologie, keine gute Technologie, die Techbranche kann wirklich böse sein und ist tief mit Unternehmen und Kapitalismus verbunden, deshalb konzentriere ich mich auf gemeinschaftsbasierte Arbeit.
Jara:
Als Flüchtling darf man auch eine Zeit lang nicht arbeiten, oder? Wenn Flüchtlinge das Asylverfahren durchlaufen, ist es ihnen untersagt zu arbeiten. Während der deutsche Staat die Asylanträge prüft, gibt es eine Zeit, in der die Antragsteller sozusagen nichts tun dürfen. Wie war das in deinem Fall?
Jamila:
Am Anfang meiner Zeit in Deutschland hatte ich ja ein Studentenvisum. Sobald ich hier war, habe ich angefangen, mich für Jobs zu bewerben, und ich habe einen Job bei einem Startup als UX-Designerin bekommen – das mach ich auch – und ich habe dort sechs Monate lang gearbeitet, bis sie mich entlassen haben und ja – „Es hatte nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich trans bin“, also ja, Bullshit.
Das war eine schwierige Zeit in meinem Leben, denn in derselben Woche wurde ich auch aus meiner Wohnung geworfen. Ich habe also zuerst meine Wohnung verloren, und dann habe ich gedacht, wenigstens habe ich noch meinen Job, und ich bin super in meinem Job, ich habe alles für die Firma entworfen, Markenidentität, Website, Handyapps. Ehrlich gesagt wusste ich damals nicht, wie das Unternehmen ohne meine Arbeit funktionieren und existieren würde, und sie waren sehr glücklich darüber, aber eines Tages empfahlen die Investoren, nicht der CEO, die Investoren empfahlen, jemand anderen zu finden.
Dann musste ich meinem eigenen Chef einen Vortrag darüber halten, wie unethisch das war.
Ich sagte ihm, wer leitet dieses Unternehmen, Sie oder der Investor?
Er schüttelte wütend und mit verletztem Stolz seinen Kopf und sagte: „Ich natürlich!“
Worauf ich sanft antwortete: „Das klingt aber nicht danach.“
Ich habe ihn wie seine Mutter eine Standpauke gehalten, es hat wirklich Spaß gemacht, vor allem weil er ein ehemaliger Polizist war. Das war das Sahnehäubchen obendrauf.
Jara:
Du musstest also nie eine Phase der erzwungenen Arbeitslosigkeit aufgrund des Asylverfahrens durchgemachen?
Jamila:
Doch. Nachdem ich die Stelle verlor, musste ich mich vor allem darauf konzentrieren, ein Dach über dem Kopf zu haben, weil ich in derselben Woche meine Wohnung verlor – mir wurden nur 23 Tage gegeben, sie zu verlassen. Ich beantragte Asyl, nachdem ich arbeitslos geworden war, und unter allem litt, was mir zuhause und i n Berlin passierte. Ich konnte während des Asylverfahrens nicht arbeiten, bis ich ein Jahr später meinen Asylbescheid bekam!
Deutsche, die nicht für Palästina kämpfen, sind rassistisch, denn um nicht rassistisch zu sein, sollte man glauben, dass alle Menschen gleich sind. Und wenn man glaubt, dass alle Menschen gleich sind, bedeutet das, dass man glaubt, dass Palästinenser*innen auch Menschen sind, die ihre Rechte verdienen, gleiche Rechte, in einem Staat, keine Apartheid mehr.
- Jamila
Jara:
Um auf meine Frage von vorhin zurückzukommen - wie ist es, als arabische Transfrau in Berlin zu leben, und insbesondere, welche Erfahrungen machst du als palästinensische Transfrau? Wie sieht deine spezifische Intersektion zwischen deiner palästinensisch-jordanischen Identität und der Trans-Identität in Berlin aus, einer Stadt, in der es so viele Araber, so viele queere Menschen und so viel Rassismus gibt?
Jamila:
Ja, dieser Teil wird immer größer und ich erlebe es am eigenen Leib.
Der Rassismus gerät außer Kontrolle. Den hat es schon immer gegeben. Machen wir uns nichts vor.
Ich glaube, die Deutschen denken gerne von sich: „Wir sind nicht rassistisch. Vielleicht gibt es hier und da ein bisschen, aber nicht die meisten. Ich bin kein Rassist.“
Aber wenn man dann mit ihnen spricht, merkt man, wie rassistisch viele von ihnen leider sind. Vor allem, wenn es um Palästina geht. Deutsche, die nicht für Palästina kämpfen, sind rassistisch, denn um nicht rassistisch zu sein, sollte man glauben, dass alle Menschen gleich sind. Und wenn man glaubt, dass alle Menschen gleich sind, bedeutet das, dass man glaubt, dass Palästinenser*innen auch Menschen sind, die ihre Rechte verdienen, gleiche Rechte, in einem Staat, keine Apartheid mehr. Und man muss glauben, dass man kämpfen muss, weil Deutschland mit seinen Steuergeldern mehr als 30 % der Waffen an Israel liefert.
Deutsche sind also, ob sie nun indirekt oder direkt, ich mag diese Begriffe nicht, weil sie ihre Rolle beim Völkermord herunterspielen, aber sie sind verantwortlich. Und wenn sie nichts tun, sagen sie: „Es ist mir egal“ und/oder „Ich glaube nicht wirklich an die Gleichheit der Menschen und deshalb bin ich den Palästinenser*innen und wahrscheinlich den meisten Araber*innen überlegen“, denn es geht hier nicht nur um Palästina, sondern auch um den Libanon, Syrien, den Jemen.
Und die Deutschen wissen diese Dinge.
Das ist das Beste daran.
Ich habe das Gefühl, wenn ich in Deutschland durch die Straßen gehe, wenn ich Blickkontakt mit Deutschen aufnehme, besonders wenn ich meine Kufiya trage, kann man einen Blick der Scham in ihren Augen sehen.
Auch wenn sie nicht so aussehen oder ich das Gefühl habe, dass es ihnen egal ist, nehmen sie keinen Augenkontakt auf. Sie starren mich an – das deutsche Starren, selbst wenn ich die Kufiya nicht trage, starren sie mich an, nur weil ich trans bin. Aber immer, wenn ich meine Kufiya trage, sehe ich, dass sie es wissen und dass sie wissen, dass sie nichts dagegen tun, dass sie eine Milliarde Ausreden im Kopf haben. Die gleichen Ausreden, die sie während des Holocausts und danach benutzt haben:
„Wir wussten nicht, was passiert.“
„Wir waren beschäftigt, wir hatten Arbeit und hatten eine Familie, um die wir uns kümmern mussten.“
Jara:
Wie fühlt es sich jetzt für dich an, in Berlin die Straßen runterzugehen, vor allem seit Beginn des Völkermords?
Jamila:
Als queere palästinensische und jordanische Transfrau mache ich die Erfahrung, dass ich auf der Straße oft verfolgt werde. Ich werde auf der Straße von Leuten verfolgt, natürlich immer von Männern, manchmal von weißen Männern, manchmal von POCs, und das frustriert mich sehr.
Ich erlebe auch viel verbalen Missbrauch, manchmal auch körperliche Aggression, manchmal sogar körperliche Gewalt, wo es zu einer Schlägerei kommt.
Das ist traurig, denn ich bin als Asylbewerberin hierher gekommen.
Man sagte mir, dass ich hier sicher sei, aber ich fühle mich hier nicht sicher und glaube nicht, dass ich hier die gleichen Menschenrechte habe.
Ich glaube nicht, dass ich in Deutschland gleichberechtigt bin, gerade weil ich auch Araberin bin.
Teil 2 und 3 des Interviews werden in den kommenden Wochen veröffentlicht.
Das englische Original findet ihr:
Aufgrund von Sicherheitsbedenken veröffentliche ich keine Möglichkeiten, Jamila direkt finanziell zu unterstützen. Falls ihr das tun wollt, schreibt mir.
In our Lands, We're not Ausländers
I conducted this interview with Jamila (name anonymized) on April 7th, 2025, for an article about queer Palestinians in Berlin. Jamila is a Jordanian-Palestinian trans woman who I know through a queer Arab party series that both Jamila and I have worked and performed at.
The interview was over an hour long, with Jamila detailing many different facets of her experience in Germany. Of course, I could only include a small amount of all the things Jamila and I talked about in the article itself, so I’d been playing with the idea to publish the entire thing since the article was finished.
The article was published in Siegessäule Magazin in German (Print editions are available around Berlin in queer community spaces for free). It garnered a massive backlash on social media, which prompted me to finally sit down and prepare the entire interview for publication.
The interview was held in English, which is why I’m publishing both the original English transcript and a German translation, which you can find here. I’ve decided to keep the more colloquial style in the written format, because there is a beauty in the way Jamila puts everything to words.
Jara:
Let's start with you! Tell a little bit about yourself, who are you, where are you from, what do you do?
Jamila:
MashaAllah, where do we start?
Marhaba, I'm Jamila.
I'm a queer trans woman from Jordan. I'm also a Nakba grandchild. My grandmother was born in Jerusalem and kicked out of her home in 1948. Her dad was shot in the leg; he survived, but the family had to go on foot all the way from Jerusalem to Amman, where my grandma met my grandpa, and – here I am.
At the age of 28, I came to Germany on a student visa, then I applied for asylum, and now I'm a refugee three years later at the age 31.
Since coming to Berlin, I set up multiple fundraisers in my time for queer and trans people in Palestine and in Jordan, especially during the last 17 months. I also helped set up a fundraiser for a Sudanese trans woman, as well as for a family of seven in Gaza.
Jara:
Mashallah.
Jamila:
And I teach Arabic as a form of resistance from a queer perspective. As a refugee, I had to find peaceful and legal ways to resist everything that is happening to us – the dehumanization of Arabs, not just Muslims, all Arabs and queer and trans people as well as in Germany and the West and in our lands.
So I figured – what better way to do that peacefully and rightfully than to educate these Germans and Westerners on: Who are these people that they've been calling terrorists ever since they massacred more than 40 million people in World War II?
So I teach them a little bit about our culture and let them decide for themselves.
Jara:
These language classes, how long have you been doing them, and who usually comes to them?
Jamila:
I've been doing them for the past four months, and I did not expect such an overwhelming response in Berlin. It started as a post where I said I will be teaching Arabic basics, the alphabet from أ to ي or A-Z, different ways to say habibi, how to flirt, and let's just say songs and things about how to fight for Palestine, amongst many other things. That post went viral. People were excited and indeed the majority of my students are Germans! Some are Polish, some Ukrainian, some Hungarian, mostly Eastern European. I do have a segment of Arabs who were born in Germany and who did not learn Arabic properly because their parents and their families were too afraid to teach them Arabic, so that they would stay safe, because Arabic can be an intimidating language for ignorant Westerners, which is the majority when it comes to understanding us.
Jara:
I mean, that's me. I’ve been slowly learning Arabic for years now because my father didn’t teach me.
Jamila:
That's you also? Well, you can join my classes at any time.
Jara:
Oh, yeah, I will.
Jamila:
Happy to have you.
Well, I'll be honest, I'm taking a break now from teaching my classes due to primarily mental health reasons and everything going on against trans people in the US and the UK, how it’s stretching to Europe and eventually Germany, as well as the arrests and kidnappings that are happening to people who speak up for Palestine. On top of my own gender dysphoria and the struggles that I go through as an Arab trans woman in Berlin.
I didn't have the environment to live as a trans woman in my own lands directly because of colonialist impacts on our region. But – in our lands, we're not Ausländers.
- Jamila
Jara:
How has that been for you, this specific experience as a Palestinian-Jordanian trans-woman living in Berlin? Where did you live before?
Jamila:
Oh, I lived in Jordan in the capital Amman for 28 years. It was a struggle but at least I was seen as an equal, as a human being.
I didn't have the environment to live as a trans woman in my own lands directly because of colonialist impacts on our region. But – in our lands, we're not Ausländers. We don't have to hear racist Germans saying: “Go back to your country.”
“Why are you here?”
“Ausländer raus,” which is a very popular chant nowadays across Germany.
Jara:
What specifically brought you to Berlin? You came on a student visa, what did you study?
Jamila:
It was a total coincidence that I ended up in Berlin. A lot of people say, oh, it's so perfect that you came here. I never planned the city. I was just desperate to leave Jordan at that time, primarily due to family struggles and personal reasons.
I came here to study my masters, it was a private program that I got a partial scholarship for and it was a masters in computer science with a focus on AI and big data.
Jara:
Wow!
Jamila:
Laughs Yeah, a lot of trans women work in tech, what can we say, it helps us avoid society.
Jara:
That's true, you're very behind the screen.
Jamila:
But I no longer wish to work in tech so much because of the impact. No good tech, no good tech, tech can be really evil, and it's really well connected to corporations and capitalism, so that's why I'm focusing on community-based work.
Jara:
When refugees go through the asylum process, they are usually forbidden from working. While the German state reviews asylum applications, there’s this period where applicants are kind of not allowed to do anything. How was that in your case?
Jamila:
When I first came here, I came on a student visa. As soon as I came I started applying for jobs and I did get a job at a startup as a user experience designer – which is another thing that I work in – and I worked there for six months until they let me go and yeah – “It had nothing to do with the fact that I was trans”, so yeah, bullshit.
That was a difficult time in my life because I also happened to get kicked out of my apartment that same week.
So, I lost my apartment first, and then I was thinking, at least I still have my job, and I was pretty good at my job, I designed everything for them, brand identity, website, mobile apps. Honestly I didn't know how the company would function and exist without my work back then, and they were very happy about it, but then one day the investors, not the CEO, but the investors recommended the CEO to fire me and hire someone else.
Then I had to lecture my own boss about how unethical this was.
I told him, who runs this company, you or the investor?
He shook his head in anger and hurt pride as he said: “Me, of course!”
To which I gently replied: “Well, it doesn’t sound like it.”
Then I went on lecturing him as if I was his mother, it was really fun, especially since he was also an ex-cop. That was the cherry on top.
Jara:
So you never went through a period of forced joblessness due to the asylum process?
Jamila:
I did, after I was jobless, I had to mainly focus on securing a roof on top of my head after I had lost my apartment that same week, and was given 23 days to leave my apartment. I applied for asylum after I was jobless and suffering from everything happening to me in Berlin, as well as back home. I was also unable to work during the asylum process until I was granted my refugee status over a year later!
Specifically Germans who don't fight for Palestine are racist, because in order to not be racist you should believe that all human beings were created equal. And if you believe that all human beings were created equal, that means you believe that Palestinians are also human beings who are deserving of their rights, equal rights, under one state, no more apartheid.
- Jamila
Jara:
Going back to my question from earlier – How is it living in Berlin as an Arab trans woman and specifically, what is your experience of being a Palestinian trans woman? How does your specific intersection between your Palestinian-Jordanian identity and the trans identity in Berlin, as the city that has so many Arabs, and so many queer people, and so much racism, play out?
Jamila:
Yep, that part is only increasing and I am experiencing it first-hand.
Racism is getting out of hand. It's always been there. Let's not kid ourselves.
Germans, I think, like to think to themselves: “We are not racist. Maybe there's just a little bit here and there, but not most people. Well I'm not racist.”
But then when you talk to them you realize just how racist a lot of them are unfortunately. Primarily when it comes to Palestine. Specifically Germans who don't fight for Palestine are racist, because in order to not be racist you should believe that all human beings were created equal. And if you believe that all human beings were created equal, that means you believe that Palestinians are also human beings who are deserving of their rights, equal rights, under one state, no more apartheid. And you must believe that you should fight because Germany supplies more than 30% of the weapons to Israel through their tax money.
So they are responsible for the genocide. Whether they say it was indirectly or directly, I don't like these terms because it downplays their role in it, but they are responsible. And when they don't do anything, they are saying “I don't care” and/or “I don't really believe in the equality of our humanity and therefore I am superior to Palestinians and probably most Arabs” because again it's not just about Palestine, there's also Lebanon, Syria, and Yemen, and they know these things.
And here's the best part about it.
I feel like when I walk down the streets in Germany, when I make eye contact with Germans, specifically when I'm wearing my kufiya, you can see a look of shame in their eyes.
Even though they don't look like it, or I feel like they don't care, they won't make eye contact. They will stare – the German stare, even when I'm not wearing the Kouffiyeh they stare, just because I'm trans. But whenever I'm wearing my Kouffiyeh, I can see that they do know and they know that they're not doing anything about it, and that they have a billion excuses on their minds. The same excuses that they used during the Holocaust and now today:
“We didn't know…”
“We were busy… We had jobs, and we had a family to look after.”
Jara:
How do you now feel every day walking around the streets of Berlin, especially since the beginning of the genocide?
Jamila:
As a queer Palestinian and Jordanian trans woman, my experience on the streets is that I get followed often. I do get chased by people on the streets, it's always men, of course, and sometimes it's white men, sometimes it's men of color, and I feel very frustrated by that.
I also experience a lot of verbal abuse, sometimes physical aggression, other times actual physical violence, where it ends up in a fight.
That's a sad thing because I came here on asylum.
They told me that I would be safe here, but I don't feel safe here, and I don't believe that I have equal human rights here.
I don't believe that I'm equal in Germany, specifically because I'm also an Arab.
Part 2 and 3 of the interview with Jamila will be published soon.
Die deutsche Übersetzung findet ihr hier:
For security reasons I will not publish any way to support Jamila directly. If you would like to help her out with a donation, get in touch.
Wolken und Bomben in Beirut
Heute Morgen wachte ich auf mit drei Nachrichten einer Freundin: Mir geht’s gut, mach dir keine Sorgen, aber beängstigend as shit.
Mir geht’s gut – das heißt, irgenwas ist gar nicht gut. Und in Beirut weiß man immer, was das bedeutet.
Es ist ein grauer, warmer Tag. Der Wind hat meine Wäsche vom Wäscheständer gefegt. Das Meer liegt still da.
Letzten Freitag bombardierte Israel zum ersten Mal seit dem Inkrafttreten des Waffenstillstands am 27. November 2024 ein Haus in Beirut. Ich war in meiner Wohnung im Norden der Stadt, etwa sechs Kilometer entfernt, und nahm an einem Onlinetreffen teil, als die Evakuationsnachricht über eine Nachrichtenseite reinkam. Nicht an den Nachrichten zu kleben ist in den letzten Jahren zum Luxus geworden.
Die Evakuationsnotiz markierte ein Haus in Dahiye, einem dicht besiedelten Stadtteil im Süden Beiruts, welcher gerne von westlichen Medien als „Hochburg der Hezbollah“ bezeichnet wird, als ob dort nicht Menschen lebten, Kinder zur Schule gingen, Restaurantbetreiber eingelegtes Gemüse und Falafel in Brot aufrollten, zu viele Motorräder sich zwischen die Autos und Minibusse schlängelten. Ich rief die Freundin an, die dort lebt, aber sie ging nicht dran. Sie ist Langschläferin, es ist Ramadan, hoffentlich weckt sie jemand auf. Ich kehre nervös zu meinem Treffen zurück, setze mich so, dass ich den Himmel sehen kann – als ob ich aus der Entfernung die Flugzeuge sehen würde, als ob sie mit Anlauf über den Norden Richtung Süden rauschen würden. Was soll man sonst tun?
Eine Stunde später, nichts. Die Wolken sind grau und uniform. War es ein falscher Alarm?
Zurück an die Arbeit. Ich führe ein Interview mit einer Freundin. Sie ist trans und ihre Familie lebt in den USA. Sie weiß nicht, wann sie ihre Familie wieder besuchen können wird, aus Angst, ihr Reisepass würde bei der Einreise beschlagnahmt. Der Dritte Weltkrieg klopft auch bei ihr an die Tür, man versteht sich, wir lachen, als ich von der Bombenwarnung erzähle. Ich setze mich an den Schreibtisch, wir beginnen das Interview. Dann, sie erzählt gerade davon, wie ihr Arbeitgeber sie wegen ihres Aktivismus für Palästina entließ – bumm.
Ich springe auf. Die Fenster halten den Stadtlärm ziemlich gut ab, doch trotzdem schallt es auch das zweite Mal laut durch die Wohnung: Bumm.
Ich renne auf die Terrasse, Telefon in der Hand. Nichts zu sehen, die Häuser auf den vielen Hügeln der Stadt verdecken die Sicht.
They bombed us. I’ll call you back.
Den Nachmittag über beginnen die Nachrichten zu kommen, von Bekannten und Freunden. Glauben sie mir, wenn ich sage, es geht mir gut? Es ist nicht gelogen. Ein Freund kommt vorbei, dem der Schock tief in den Knochen sitzt. Zur Ablenkung fahren wir nach Hamra, dem linken Viertel, wo sich viele Restaurants mit Stickern in ihren Fenstern zu Apartheid Free Zones erklären. Wir essen gemeinsam Iftar, das Restaurant ist gut besucht, die Stadt lebt weiter. Stunden dauert es, bis ich Nachricht von meiner Freundin erhalte. Es geht ihr gut, sie habe sich nach dem Schock erstmal schlafen gelegt. Ich bin inzwischen mit dem Freund in einer Bar, in der jede Oberfläche mit kommunistischen Plakaten bedeckt ist. Wir lachen über die Absurdität, Abgaben für Stücke in Deutschland zu haben. Wie sagt man das – sorry dass ich den Text einen Tag später einreiche, die Bomben haben meine Hausaufgaben gefressen?
Dann heute.
Mitten in der Nacht bombardierte Israel wieder ein Haus in Dahiye. Dieses Mal gab es keine Vorwarnung. Dieses Mal gab es Tote, bisher vier.
Letzte Woche war ich im Süden der Stadt spazieren – Chiyeh, Furn El Chebbek, Tayyouneh, alles am Rand von Dahiye. Inmitten des Lebens stand immer wieder wie ein Mahnmal ein zerstörtes Haus. Man stolperte fast darüber – hier ist ein Haus, hier ist ein Haus, hier war einmal eins.
Die Mutter eines Bekannten fuhr heute Nacht um vier Uhr morgens aus Dahiye zu ihm in den Norden. Ich traf sie vor gerade zwei Tagen, eine Frau Mitte fünfzig mit schneeweißen Hijab, voller Stolz auf das neue Theaterstück ihres trans Sohnes. Ein anderer Bekannter fragt, ob er heute später zu Probe erscheinen könne, die Drohnen haben ihn die ganze Nacht wach gehalten. Ich bekomme eine Nachricht aus Österreich, unser Stück über Palästina könne leider „auch aus grundsätzlichen Überlegungen“ nicht gefördert werden. Fast zwei Jahre waren wir auf der Suche nach einem Theater, welches das Stück produzieren wollte, nach dem 7. Oktober wollte kein deutsches Theater mehr etwas von uns wissen, dann endlich eins in Innsbruck gefunden – und nun das.
Letzten Freitag war es auch grau und warm. Als ob die Stadt wüsste, was ihr geschieht.
Israel zerbrach den Waffenstillstand in Gaza mit einer Leichtigkeit, als hätte es ihn nie gegeben, und die Welt nimmt es hin. Nun bombardiert es innerhalb von fünf Tagen zweimal Beirut - und die Welt nimmt es hin.
Und doch ist es ein Fehler, überhaupt zu glauben, es hätte je einen Waffenstillstand gegeben. Dieser Waffenstillstand verdient seinen Namen nicht – über 1000 Brüche nur im Libanon wurden vonseiten Israels in nur vier Monaten festgestellt, über 100 Libanes*innen getötet. 1000 Brüche in vier Monaten, das sind mehr als 8 pro Tag.
Welcher Waffenstillstand soll das sein, wenn die Waffen noch so laut singen?
Half a year and a broken promise that never was
Yesterday marked six months since the Pager Attacks, vile and murderous booby trapping of thousands of pagers across all of Lebanon that instilled fear in an entire population, killed 12 and maimed hundreds, among them children, doctors, and passersby. It marked the beginning of a new era of warfare: where everything, every piece of technology you carry in your pocket, might become a weapon, where we learned for good that the global supply chains can be and are infiltrated by imperial forces that will not hesitate to go against any and all morality to achieve their colonial goals.
Today I wanted to write about the Pager Attacks, and how they were treated by Western media outlets as an ingenious act of technological warfare, or as philosophical question to be pondered from the ivory towers that have long since only exported their wars. I wanted to write about how, once again, Arab bodies and lives were deemed expendable, a testing ground, a chess field where one army holds a thousand queens.
But then I woke up, and saw that the limbs are not only scattered across our memories. The occupation state broke the ceasefire in Gaza last night, this time for good. As I write this, the death toll stands at 404 people killed in a single night, with many still trapped under the rubble.
I wanted to write about the Pager Attacks, but instead I woke up and wrote this.
Yesterday marked half a year since the pager attacks.
Yesterday marked half a year since the pager attacks and I’m back in Beirut and the occupation sate just broke the ceasefire in Gaza.
I left Lebanon and they killed 558 people in one day.
I return to Lebanon and they killed 232 people in one short night.
When I was nine, I visited Lebanon with my father and brothers. The strongest memory I have from that trip is wanting a little mosaic kit of a blue dolphin, and my father buying it for me, and the utter shock and horror when I saw the price tag. I don’t remember the exact number, but it was outrageous – 20.000 or 35.000 Lira. I cried. My father tried to comfort me, saying it was worth much less than what I was used to, this currency is worth less, numbers here are worth less. It was only 20 dollars, or 35, I don’t remember. Forget the thousands. I still cried. It was still too much, too much for me, too big a number to hold.
Two weeks after we left Lebanon, the July War started – Harb Tammuz. I thought it was my fault, somehow. I thought that by going, I had somehow rained violence over people I didn’t understand but still had a connection to. I thought it was my fault that my family was scared. And that if I just don’t go back, it would all end.
That war lasted three weeks and killed over a thousand people. Peanuts, by today’s standards. It devastated vast swaths of land with white phospherous, destroyed the main road between Beirut and the south, bombed a museum dedicated to their torture of Lebanese during the preceding Civil War, and unleashed hell on Dahiye – a densely populated civilian area in the south of Beirut. This war is where the world was introduced to the Dahiye doctrine: the policy of actively targeting civilian infrastructure to instill fear into the hearts of the people, so that their devastation is so great they will turn against any resistance and force them to submit.
It didn’t work – the people know where the enemy lies.
There’s clouds over Beirut as I write this, but the blue sky already promises itself to another day of beauty. Just a moment longer. The street is busy, the mountains stand just beyond the bay as they always have and always will. The buildings still carry forty year old bullet wounds. There’s glass on a roof across the street – is it from the Blast? Is it from the Aggression? Or is it from some other, more mundane tragedy?
I thought, when I was a child hearing about a war both far away and way too close, that it happened because of me. If I just didn’t go again, I could keep them safe. That wasn’t hard: my mother would have let flying pigs eat the skin off her face before she would have let us return.
I am no longer nine years old. I no longer believe that it is my fault that wars erupt. I am no Helena from Troy, and even she was just a ploy: a story told by powerful men to justify their violence.
The ceasefire that never was is truly broken, even if the occupation still keeps up the charade. How easy it is to belie the truth when every institution with a microphone will just parrot your propaganda into the ears of millions who could know better, but don’t.
They refused to negotiate. This is preemptive. We are doing what it takes to protect our own.
How nice it must be, to have the rich and powerful at your feet, and all you must do to achieve it is give up any and all dignity, honesty, and humanity.
I wanted to write about the pager attacks, but I have no other words. I feel like I have been a house of ice for many months, and only now is the sun softening my shell. Soon, the lock will be thawed so I can crack open the door and take a look – but not yet. Not now.
Poetics, it seems, is my crowbar and my shelter at the same time.
The sun has come out. The mountains fade into the distance behind the low clouds, but they too will reappear.
I will write more, later, when the ice has thawed.
Eine Kritik am Entwurf der geplanten Hochschulresolution
Heute, den 29. Januar, soll der Bundestag über eine neue Resolution mit dem Namen "Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen entschlossen entgegentreten sowie den freien Diskursraum sichern" abstimmen. Diese Resolution wurde komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert und ist 7,5 Stunden vor Abstimmung immer noch nicht öffentlich! Das bedeutet, Expert*innen, Rechtsvertreter*innen, und andere zivilgesellschaftliche Betroffene haben keine Chance, ihre Meinung und Bedenken zur Resolution zu äußern. Die Abstimmung war ursprünglich für morgen, den 30. Januar, 20:30 Uhr geplant, wurde jedoch gestern auf den 29. Januar (heute) vorgezogen.
Die Initiative Fragdenstaat.de veröffentlichte Anfang November einen Entwurf dieser Resolution. Dieser Entwurf ist die beste Anäherug an den Text, die wir haben - also habe ich ihm einer *sehr* gründlichen, und an mancher Stelle polemischen, Analyse unterzogen. Verzeiht mir, Humor rettet Leben.
Was über die Lektüre hinweg auffällt: Die gesamte Resolution positioniert Antisemitismus als besonderes Phänomen, welches komplett getrennt von anderen Diskriminierungsformen gedacht wird (Rassismus, Homophobie, Ableismus, etc). Dabei wird die Diskriminierung einer Gruppe als wichtiger und verachtenswerter erachtet als alle anderen Gruppen. Der Schutz jüdischer Menschen wird gegen den Schutz aller anderen marginalisierten Gruppen ausgespielt. Ein intersektionaler Ansatz, der alle Diskriminierungsformen als ineinander greifend und nur gemeinsame zu bekämpfen versteht, ist nirgends zu finden.
Oh, und das Wort Palästina natürlich auch nicht.
Kurzer Einschub, bevor es losgeht: diese Arbeit kostet extrem viel Zeit und ist komplett unbezahlt. Wenn ihr mich darin unterstützen wollt, überlegt euch doch, ein bezahltes Abonnement abzuschließen. Oder lasst’s sein - deswegen gibt es keine Paywall!
Los geht’s:
Hier sehen wir den Beginn dessen, was sich den ganzen Text über durchziehen wird: die Verquickung bzw. Gleichsetzung von Antisemitismus - Abneigung von Menschen nur ihres Jüdischseins wegen - und "Israelfeindlichkeit", was als Chiffre für verschiedene Formen der Ablehnung und Kritik eines Nationalstaats, welcher laut hunderten Expert*innen und unzähligen namhaften Menschenrechtsorganisationen, unter ihnen Human Rights Watch, das Lemkin Institute für Genozidprävention, und Amnesty International einen Genozid begeht und seit Jahrzehnten systematisch eine Bevölkerung enteignet, unterdrückt, und vertreibt.
Es wird außerdem gesetzt, dass diese beiden Phänomene an Schulen und Hochschulen vorhanden sind und ein ausreichend schweres Problem darstellen, dass die Bundesregierung dagegen vorgehen muss. Dass beide Phänomene existieren (wobei die Chiffre Israelfeindlichkeit später genauer untersucht wird), ist nicht die Frage, aber die Gewichtung dieser Sache muss im Vergleich zu anderen Formen der Diskriminierung und Gewalt gesehen werden. Gibt es etwa eine Bundestagsresolution gegen Gewalt gegen Frauen? Oder gegen Polizeigewalt?
Hier offenbart sich gleich im ersten Paragraphen der Kern des deutschen Narratives um Palästinasolidarität, Antisemitismus, und Israel:
Nicht-jüdische Menschen werden zum Opfer von Antisemitismus stilisiert. Christliche Ottonormaldeutsche können endlich aus der Rolle des Täters des Holocaust in die Rolle des Opfers schlüpfen.
Währenddessen wird tatsächlicher Antisemitismus verschiedener Formen nicht erwähnt, beispielsweise dass nicht-jüdische Menschen linken und antizionistischen Jüd*innen aufgrund ihrer politischen Haltung ihr Jüdischsein absprechen, und natürlich der klassische rechte Antisemitismus, der nach wie vor in Deutschland der gefährlichste und am weitesten verbreitete ist.
Diese Zahlen beziehen sich auf den Jahresbericht Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2023RIAS , welcher hier zu finden ist.
Der Bericht besagt, dass von 4782 als antisemitisch gemeldeten (es muss kein Antisemitismus festgestellt werden) Vorfällen 2787 nach dem 7. Oktober geschahen. Davon sind 71% sogenannter israelbezogener Antisemitismus, also 1979. Das sind etwa 41%.
Natürlich behaupte ich hier nicht, dass es keinen tatsächlichen Antisemitismus innerhalb der Menschen gibt, die sich für das Ende des Apartheitsstaats Israel aussprechen. Das wäre Quatsch. Die Bewegung ist riesig, und diskriminierende Arschlöcher gibt es überall. Allerdings ist bei dieser Studie kritisch zu hinterfragen, wie viele der angeblichen antisemitischen Vorfälle völlig legitime und nicht diskriminierende Aussagen und Taten waren, die gegen die genozidale Zerstörung allen Lebens im Gazastreifen gerichtete waren.
Ein Beispiel aus dem Bericht: Eine Frau (ob jüdisch oder nicht, ist unklar) hängt eine Israelflagge in ihr Fenster. Daraufhin wird es von Unbekannten mit Eiern beworfen. (Seite 15) Ist das antisemitisch? Oder richtet es sich gegen Israel? Das kann nicht geklärt werden, der Vorfall fließt trotzdem in die Statistik mit ein.
Anderes Beispiel: "Beispielsweise fand Anfang April in Flensburg eine Versammlung anlässlich des sogenannten Tag des Bodens statt. Dort sprach ein Redner von 75 Jahren Apartheid in Israel – einer Israel delegitimierenden und damit antisemitischen Aussage." (Seite 17). Alleinige die Nutzung des Wortes Apartheid wird als antisemitisch definiert. Kurzum, diese Studie muss man mit so viel Vorsicht genießen wie Eiersalat im Hochsommer.
Quellen (weil ich mir höhere Standards gebe als der Bundestag): erster Satz dieses Artikels
Junge Menschen unter 35, die sich politisch links verorten, sind die am wenigsten antisemitisch eingestellte Gruppe im Vergleich: Bericht der Universität Mannheim
Ich stimme sogar zu, dass an Schulen und Universitäten ein Klima der Angst herrscht! Allerdings kommt das meiner Erfahrung und Wahrnehmung nach daher, dass Leute nicht mehr wissen, was sie sagen dürfen, weil die Grenzen zum Antisemitismus unter anderem durch Schriften wie diese komplett verwischt wird.
HRK: Zur aktuellen Antisemitismusdebatte im Bundestag.
PACBI (Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel, Palästinensische Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott Israels), ruft zum Boykott israelischer Universitäten aufgrund ihrer Rolle in der Aufrechterhaltung des israelischen Unrechtssystems, explizit nicht aufgrund einer jüdischen Identität von Einzelpersonen.
Außerdem ist Boykott ein friedliches Mittel des Widerstandes. Aber auch gewaltfrei ist gewaltsam, wenn es um Widerstand gegen Israel geht.
GEFÄHRLICHSTER TEIL DER GANZEN RESOLUTION. Universitäten sollen mehr Polizei auf ihre Studierenden hetzen? Strafende Polizeilogik soll in Universitäten Alltag werden?
Mal davon abgesehen, dass Antisemitismus und Rassismus in der Polizei strukturell verankert und extrem weit verbreitet ist...
I drafted the definition of antisemitism. Rightwing Jews are weaponizing it Kenneth Stern
New Report Reveals Human Rights Violations Resulting from IHRA Definition of Antisemitism, European Legal Support Center (veröffentlicht vor dem 7. Oktober)
Fazit: Dieser Entwurf ist gefährlich, bedient sich antipalästinensischer, islamophober, und rassistischer Narrative, ignoriert rechte antisemitische Gewalt für den politischen Zweck der Repression gegen die Palästinasolidaritätsbewegung, greift in Wissenschafts- und Meinungsfreiheit ein, und normalisiert und fördert autoritäre Politik wie Polizei in Schulen und Universitäten. Es ist kaum zu erwarten, dass die endgültige Fassung der Resolution besser wird - aber das wissen wir heute Abend, wenn die Abstimmung vorbei ist.
Soviel für heute, und für die deutsche “Demokratie”.
Kürzungen und Repression: zwei Seiten einer Medaille
Wo ich gerade hinschaue, Panik und Entsetzen in der Kulturszene. 10 Prozent Kürzungen im Kulturetat. 110 bis 150 Millionen Euro Einsparungen. IMPACT Förderung, Diversitätsförderung, ganze Töpfe für marginalisierte Menschen – komplett weg.
Ich denke mir dabei nur: ihr wundert euch noch?
Kapiert ihr nicht, dass die Kürzungen und die Eingriffe in Kunst- und Meinungsfreiheit zusammengehen? Dass es Teil des autoritären Staatsumbaus ist, den Kunst- und Kulturorte zum Schweigen zu bringen, und dies natürlich vor allem marginalisierte und vulnerable Stimmen trifft?
Theater, Film, Literatur – all das hat die Macht, kritisch zu hinterfragen, neue Wege aufzuzeigen, und unbequeme Fragen zu stellen. Sie kann Räume zum Träumen und Erzählen schaffen, das Leben reflektieren und neu denken. Sie hält abweichende Erfahrungen und Meinungen aus, begrüßt sie sogar. Besonders Kunst für junge Menschen, für Menschen mit Behinderung und/oder Migrationsgeschichte und/oder queere Menschen kann mehr als nur Brot und Spiele. Sie ist immer auch politischer und gesellschaftlicher Raum der Aushandlungen und der Meinungsbildung. Doch genau diese Freiheit des Denkens wird zunehmend unerwünscht in der immer weiter rechtsrückender Politiklandschaft.
Autoritäre Staaten zensieren stets Kunst und Kultur. Massive Budgeteinschnitte sind auch nur Zensur mit anderen Mitteln: Wer kein Geld hat, kann keine Fragen stellen. Wer sich um seine Existenz fürchtet, stellt keine Fragen.
Unzählige offene Briefe, Statements und Aufrufe besingen gerade die Kulturvielfalt, die durch die Kürzungen existentiell gefährdet ist. Doch wo waren diese Stimmen im letzten Jahr, als palästinensische, arabische, muslimische, und antizionistische jüdische Stimmen wegen ihrer Identität oder ihrer politischen Haltung zum Schweigen gebracht wurden?
Am Dienstag erfuhren mehrere Projekte für Diversität und Inklusion aus der Presse, dass ihnen in nur sechs Wochen komplett der Geldhahn zugedreht werden würde. Die Geschichte ist bekannt – Oyoun, anyone?
Seit einem Jahr erleidet das Oyoun genau jenes Schicksal, welches nun die Masse der Kulturhäuser trifft. Die staatliche Förderung, lebensnotwendig für die Kulturszene Berlins, war plötzlich komplett weg. Das Oyoun hat gekämpft: unbezahlt arbeiteten die Mitarbeitenden seit fast einem Jahr weiter, organisierten Lesungen und Panels, Konzerte und Festivals. Der Senat tat sein Bestes, auch dieses Zeichen von Widerstand und Zusammenhalt zu unterbinden: Vom Abstellen des Wassers mitten während einer Veranstaltung hin zur ausbleibenden Reparatur der Heizungen schien jedes Mittel recht, das Oyoun rauszuekeln. Und die anderen Häuser? Schweigen.
Um frei zu sein, muss Kunst finanziert werden. Doch sie muss eben auch frei sein, Unbequemes, Schmerzhaftes und Anstößiges zu erzählen. Auch und gerade auch das, was Bild, CDU und Konsorten sauer aufstößt. Doch genau diese Freiheit hat sie seit der Anti-BDS-Resolution von 2019 weniger und weniger. Vielleicht war es wie ein leises Vorwagen: wie unveräußerlich sind die Rechte wirklich?
Seit über einem Jahr wird Kunst und Kultur als Problem stilisiert, als Hochburg genau jener Diskriminierung, die sie durch ihre Arbeit überhaupt erst ansprechen, diskutieren und abbauen kann. Wenn man lang genug Skandale und Eklats produziert, erschafft man die Voraussetzung dafür, zu sagen: jetzt reicht‘s, jetzt kann das auch ganz weg.
Den Diversitätsfonds, den queeren Projekten, den Institutionen für Kinder, ihnen sage ich: der Angriff auf euch begann mit dem Angriff auf uns. Eure Solidarität muss nun auch auf uns ausgedehnt werden, wenn sie etwas zählen soll.
Und wir sprechen immer noch nur von Berlin. Was wird mit der Breite der Kulturszene in Deutschland passieren, wenn Berlin als Kulturhauptstadt ein solches Schicksal erleidet?
So viele Künstler*innen und Institutionen schwiegen, nicht erst im letzten Jahr, aus Angst um ihre Förderung. Nun ist sie trotzdem weg. Wie Audre Lorde es schon sagte: Euer Schweigen schützt euch nicht.
Weniger für Kinder und mehr für Millionäre, weniger für Kultur und mehr für fossile Brennstoffe, weniger für Soziales und mehr für Aufrüstung, weniger für Fahrradwege und mehr für die Polizei.
Das sind die Prioritäten, die uns der Senat zeigt. Sie zeigen uns, dass das Leben für sie keinen Wert hat. Nicht nur arabisches Leben, welches tagtäglich auf den Straßen Berlins kontrolliert, schikaniert, und zusammengeschlagen wird, sondern das Leben allgemein. Kunst, Kultur, Bildung, Soziales: all das macht das Leben lebenswert. Es entzieht sich der Kriegslogik, ist schwer zu verwerten. Es gefährdet sie sogar, denn es stellt die simple Frage: kann es nicht auch anders gehen?
Es kann. Doch dazu müssen wir gemeinsam stehen. Schluss mit der Logik des Jeder-für-Sich. Wir wollen keine Krumen mehr. Kunst und Kultur muss ausfinanziert werden, nicht Polizei und Repressionsapparat. Sie muss frei bleiben von staatlicher Einflussnahme. Sie muss sich endlich wehren. Denn sonst ist das alles erst der Anfang.
Barzakh von Rabee Hanani
Halbdurchsichtige weiße Tücher hängen von der hohen Decke herab. Das Publikum wird durch verschiedene Türen in den Saal geleitet. Man sitzt sich gegenüber: in vier Ecken sind Podien aufgebaut. Langsam gehen die starren Spielenden in die Bewegung über, manche fließend, manche zuckend. Sie tragen Alltagskleidung, Bundfaltenhosen und zugeknöpfte Hemden, bis auf einer, der in einem levantinen Tänzergewand in strahlendem Weiß erscheint.
Das Stück nimmt das Publikum mit auf eine Reise in ein verbotenes Land: Palästina. Es beginnt in Qalandiya, dem Checkpoint zwischen Ramallah und Jerusalem. Die Hauptfigur, dessen Namen ungenannt bleibt, übergibt eine Tasche mit Kleidung an einen Taxifahrer, der sie nach Jerusalem bringen soll. Sie ist für die Mutter, die todkrank im Krankenhaus liegt. Der Sohn bekommt keine Erlaubnis, sie zu besuchen, also muss er seine Hoffnung in das sympathischste Gesicht am Checkpoint legen.
Über Gott und Märtyrer, Fragen und Zweifel, Berlin und Zensur erzählt das Diplomstück von Rabee Hanani. So vieles erinnert mich an meine eigene Zeit in Palästina. Der alte Kollege von Al Haq, der mir stolz Bilder seiner vier Töchter und seiner Frau zeigte, bevor er erzählte, dass sie wegen Krebs in Jerusalem behandelt wird, er sie aber nur selten besuchen kommen darf. Qalandiya, Kufr Aqab: Sofort ziehen Bilder dieser Orte durch meinen Kopf, sofort steigt das Gefühl der Bedrängung des Checkpoints wieder auf.
„Die schwarzen Löcher der Maschinengewehre haben nur eine Frage:
Kennen wir uns nicht?“
Das Stück behandelt riesige Themen zart und feinfühlig, ohne sich jemals von ihnen erschlagen zu lassen. An manchen Stellen rutscht es etwas in Didaktische ab, doch fängt sich stets wieder. Der Hauptdarsteller Burak Hoffmann trägt die Monologe, die das gesamte Stück durchziehen und nur von manchen Dialogszenen unterbrochen werden, mit großer Energie und stets einem leisen Blick der Verzweiflung. Er rennt zwischen den herabhängenden Tüchern hin und her, auf denen Projektoren Licht und Schatten und die Namen Gottes spielen lassen. An einem Punkt ziehen die anderen Spieler*innen die Tücher hoch. Plötzlich steht die Hauptfigur einsam in der Mitte der Black Box Bühne. Er fragt: ist Neutralität das höchste Gut der Kunst? Ist das wirklich das Beste, was wir uns erwünschen können? Ist die Haltungslosigkeit das, was uns retten wird und was wir der Welt schulden?
Besonders prägnant ist der Kommentar zur Zensur eines Werkes in Deutschland. Die vielstimmige Jury singt in höchsten Tönen die Zeilen, die vielen Künstler*innen im letzten Jahr bekannt vorkommen werden:
Das könne ja falsch verstanden werden…
Es ist ein tolles Stück, nur das Ende…
Könntest du nicht…
Außer du machst…
Am Anfang, also ein Statement…
Wir verstehen dich ja voll!
Nur damit man es nicht falsch…
Es erinnert an die Angst, die in der Kulturszene Deutschlands vorherrscht. Bloß nichts Falsches sagen, sich keiner Kritik aussetzen, Kontroversen ja gerne aber nur bis hierhin und nicht weiter. Im Januar, während ich gegen die sogenannte Antidiskriminierungsklausel des Berliner Senats protestierte, erklärte mir jemand herablassend, deutsche Theater würden schon keine Bekenntnispflichten von Künstler*innen verlangen. Ich frage mich, wie nah diese Szene im Theaterstück der Wahrheit steht.
Barzakh bezeichnet auf Arabisch die Schwelle zwischen Tod und Leben. Es behandelt Palästina, ein Thema, um den fast alle deutschen Theater gerade einen großen Bogen machen. Nach der Premiere erzählt mir Rabee, den ich seit ein paar Jahren durch gemeinsame Arbeit bei ALFILM kenne, von den Schwierigkeiten, das Stück stattfinden zu lassen. Es ist ein Theaterstück, wie es Theater sein sollte: kraftvoll. Aufwühlend. Aktuell.
Barzakh läuft nur noch bis nächste Woche Mittwoch, Karten sind kostenlos und gibt’s hier
Das Fenster des Sagbaren, Denkbaren, und Machbaren
Ist es in Ordnung, ein Kind zu ohrfeigen, wenn es mit einer Vier nach Hause kommt?
Ist es in Ordnung, einen Ehemann zu ohrfeigen, wenn er fremdgeht?
Ist es in Ordnung, den Mitbewohner aus der Wohnung auszusperren, weil er das Geschirr nicht gespült hat?
Aber ist es in Ordnung, dass tausende Menschen jede Nacht auf der Straße schlafen, weil sie sich kein Obdach leisten können?
Ob wir es merken oder nicht, wir haben alle ein Fenster der akzeptablen Gewalt. Vielleicht begegnet man ihm mit Missbilligung, doch nicht genug, um sie aufzuhalten. So ist das Leben, sagt man. Manche Menschen leben eben auf der Straße.
Es ist in Ordnung, dass mein Gastdozent stolz Fotos von Widerstandskämpferinnen des Warschauer Ghettos auf sein Notizbuch aufgeklebt vorzeigt. Doch wenn an derselben Uni Studierende sich die Hände rot malen, um gegen Bombardierungen und die Abriegelung einer gesamten Bevölkerung zu protestieren, ist das Gewalt.
Gestern explodierten gleichzeitig fast 2,500 Pager im Libanon. Es war ein mutmaßlich lange geplanter und hastig ausgeführter Angriff. Das explosive Material wurde anscheinend schon vor Monaten in die Geräte eingebaut, doch laut Axios was Hezbollah den Pagern auf der Spur – weswegen israelische Offiziere sie noch schnell in die Luft jagten, bevor sie entdeckt wurden.
Das sind 2,500 Bomben, komplett durch eine zivile Bevölkerung verstreut. Die Pager hätten überall sein können, und sie waren es auch: Manche explodierten, als der Träger am Steuer saß, was zu unkontrollierbaren Autounfällen führte. Andere explodierten, als die Träger einkaufen gingen oder ihren Dienst als Ärzte absolvierten.
Fast 3,000 Menschen sind verletzt, 12 bestätigt tot, darunter zwei Kinder und vier Ärzt*innen, hunderte in kritischem Zustand, weitere hunderte haben Augen oder Finger verloren. Manche berichten, dass kurz vor der Explosion eine Nachricht gesendet wurde, dass also beabsichtigt wurde, dass die Menschen die Geräte in der Hand und der Nähe ihres Gesichts halten.
In Supermärkten und Häusern, in Autos und Krankenhäusern: es war ein absichtlich willkürlicher Anschlag, mit dem Ziel, Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten, möglicherweise verübt aus der Furcht, dass die Waffe möglicherweise bald nutzlos werden würde.
Jetzt noch schnell alles in die Luft jagen, bevor wir es nicht mehr können!
Doch was bedeutet es, wenn dieser Angriff keine Konsequenzen nach sich zieht?
[Einem Terroranschlag] wohnt wesentlich eine kommunikative Dimension inne.
Der erste Angriff auf das Al-Ahli Krankenhaus in Gaza im October 2023 wurde von lauter Hasbara und Falschbehauptungen begleitet, die die Brutalität und Verursacher des Angriffs verschleiern sollten. Doch inzwischen sind Angriffe auf Krankenhäuser kaum eine Schlagzeile mehr wert. Die massive Polizeigewalt auf palästinasolidarischen Demos in Deutschland sorgte kurz für Aufregung, doch wurde mit genügend Wortgeschwall und Victimblaming – was müssen die Protestierenden auch so laut sein! Alles Terrorunterstützer/Israelhasser/Antisemiten! - wegerklärt.
Und so normalisiert sich Gewalt: indem sie als legitim dargestellt wird. Indem die Konsequenzen ausbleiben.
Was Israel gestern im Libanon verübte, war nach allen westlichen Vorstellungen ein Bilderbuchterroranschlag: willkürlich, brutal, auf die zivile Bevölkerung gerichtet, mit dem Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten.
Hätte dieser Angriff Israel gegolten, wäre er zurecht als Terrorangriff betitelt worden. Doch weil er sich gegen Libanes*innen richtete, wird er vom Spiegel als „raffinierte Attacke“ gelobt.
Ist es raffiniert, tausende Bomben gleichzeitig inmitten einer ahnungslosen Bevölkerung zu zünden, mit völliger Verachtung gegenüber der Tatsache, wen es treffen wird?
Manche Kinder müssen eben sterben.
Wir glauben, dass unsere gesellschaftlichen Werte stabil sind, aber sie verändern sich schneller, als uns lieb ist. Mit jedem Tag, an dem diese neuen Formen der Gewalt als normal, als legitim, oder sogar als richtig dargestellt werden – wie es einige deutsche Spitzenpolitiker seit gestern auf X taten – werden sie normal. Mit jeder konsequenzlosen Tat eines genozidialen Regimes wird der westlichen Welt der Boden der sogenannten „regelbasierten Weltordnung“, auf der sie zu stehen glaubt, unter den Füßen weggezogen; und dem Rest der Welt mehr Gewalt und Unmenschlichkeit entgegengebracht.
Natürlich galten diese Regeln immer schon nur für die Ausgebeuteten. Für die Imperialstaaten war Terror schon immer legal.
Wenn die Welt den Anschlag im Libanon gestern als normal hinnimmt, wird es normal, dass tausende Bomben in alltägliche Kommunikationsgeräte eingebaut und willkürlich in die Luft gejagt werden, so wie es für viele Deutsche normal wurde, dass Krankenhäuser in Gaza bombardiert werden oder dass „hungernde Mütter ihren kranken Säuglingen mit vergiftetem Wasser zubereitete Milch“ geben, weil jegliche Lebensgrundlage zerstört und jegliche Hilfslieferungen verhindert werden.
Wie Bassem Youssef sagte: „Oh, Arabs? They die.“
Kill all Palestinians.
Ein Kampf zwischen den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis.
Normal. Legitim. Gut.
Wer hinguckt, sieht schon lange, wie sich das Fenster verschiebt. Doch hingucken reicht nicht: es kommt die Zeit, wo stille Betrachter genau so Schuld tragen wie die manischen Rassisten, die die Gewalt ausüben. Die Gewalt endet nie bei der ersten angegriffenen Gruppe. Wer Gewalt gegen eine Gruppe legitimieren kann, legitimiert sie gegen alle.
Wir kennen alle die Bücher und Filme, die uns auf die Seite des Widerstands stellen.
Doch wir sind nicht im Film, wir sind im echten Leben.
Wo stehst du?
Ergänzung: dieser Text wurde vor den erneuten gezielten Explosionen von Walkie-Talkies im Libanon am 18. September verfasst, bei dem weitere mindestens 9 Menschen starben und 300 verletzt wurden.
Frieden? in Beirut
Auf dem Balkon sitzend, während die Morgensonne von einem selten blauen Himmel auf Beirut herabscheint, ist es schwer zu glauben, dass irgendeine tatsächlice Gefahr droht. Aber natürlich sagte just vor ein paar Tagen ein Mitglied des Besatzungsstaats, wie er hier oft genannt wird, dass es “keinen anderen Weg gäbe” als “den Süden Beiruts in Gaza zu verwandeln”.
Ich erinnere mich, wie ich vor ein paar Wochen bei der Dorfverteidigung im winzigen Dorf Zanuta im Süden des Westjordanlands half. Mitgenommen hatte mich eine jüdisch-amerikanisch-israelische Aktivistin. Ich fragte sie:
“Was denken junge jüdisch-israelische Menschen über einen Krieg mit dem Libanon?
Sie antwortete:
“Die allgemeine Haltung ist: im Zweifelsfall in den Libanon einmarschieren.”
Im Zweifelsfall in den Libanon einmarschieren.
Wie moralisch verroht muss eine Gesellschaft sein, dass die Rückfalloption die Invasion eines souveränen Staates ist?
Israel beschwört seit Monaten einen Krieg mit dem Libanon. Eine Eskalation könnte möglicherweise US-amerikanische Truppen auf den Boden berufen und inner-israelische Konflikte beschwichtigen. Es gibt nichts Besseres, um gesellschaftliche Probleme in den Hintergrund treten zu lassen, als einen gemeinsamen Feind. Sogar im Falle eines Waffenstillstands in Gaza kündigten israelische Kriegstreiber (Politiker) an, keinen Waffenstillstand mit dem Libanon vereinbaren zu wollen, selbst wenn einer in Gaza geschlossen wird - die Bedingung Hezbollahs für einen Waffenstillstand. Es ist also genau wie in Palästina klar, wo die Kriegstreiber sitzen: im Knesset. Hamas und Hezbollah haben ihre Bedingungen für einen Waffenstillstand, welcher ein absolut notwendiger erster (!) Schritt zur Gerechtigkeit ist, klar ausgelegt. Doch Israel will keinen Waffenstillstand, sondern immer weiter Krieg.
Ein Kolonialstaat verteidigt sich nicht, er frisst. Es ist ein leichtes, Videos jüdische Fanatiker zu finden, die das ganze Land vom Euphrat bis zum Nil für sich beanspruchen. Sie glauben, gott habe ihnen ganz Palästina, den Libanon, Jordanien, große Teile Syriens, Iraks und Ägyptens gegeben. Religiöse Spinner hat es immer schon gegeben, doch diese sind bis an die Zähne bewaffnet und von der Regierung einer ethnonationalen Theokratie umschmeichelt, der unsere Bundesregierung anscheinend bedingungslose Treue geschworen hat.
Nur zur Erinnerung, Deutschland liefert 47% aller Waffenimporte Israels.
Zurück nach Beirut, genauer gesagt nach Ein El-Remmeneh, der Ort, an dem 1975 der libanesische Bürgerkrieg entfacht wurde. Nach wie vor findet man Einschusslöcher an Häusern. Angst ist hier nicht zu spüren: Taxis hupen, Motorräder fahren mit tütenweise Gemüse über die Griffe gestapelt vorbei, in der Bäckerei schieben drei Männer am laufenden Band Manakisch ins Feuer. Läuft man fünf Minuten Richtung Norden, kommt man nach Badaro, wo schicke Cafés Lachssalat für 22,90 Dollar anbieten.
In Beirut stehen zerfallene Häuser Wand an Wand mit Wolkenkratzern
Die Gewalt spürt man entfernt: eine Freundin sollte letzte Woche aus Deutschland kommen, doch ihr Flug wurde abgesagt, deswegen kommt sie erst morgen. Ein anderer Freund soll Sonntag aus Palästina ankommen und fragt mich, wann der Grenzübergang vom Westjordanland nach Jordanien wieder geöffnet wird, nachdem ein Jordanier vor wenigen Tagen an der Grenze drei israelische Sicherheitskräfte erschoss (die Tagesschau übernahm übrigens, wie so oft, einfach die Behauptung der IOF, dass es sich um Zivilisten gehandelt hätte).
Ansonsten ist Beirut wie immer: stur verliebt in das Leben. Die Bars entlang der Armenia Street im Ausgehviertel Mar Mikhael werben immer noch für Happy Hour, auch wenn weniger Besucher als üblich kommen. Open Mics und Kunstveranstaltungen sind voll und heilsam. Im Sursock Museum kann man abstrakte Kunst und konkrete Zerstörung betrachten, während unten eine Hochzeit gefeiert wird.
Ein Kunstwerk über den ersten Angriff Israels auf Gaza nach dem Beginn der Blockade 2007
Doch heißt das nicht etwa, dass den Leuten die Geschehnisse egal sind oder sein können. Gestern gab es in der Innenstadt mehrere Demonstrationen nach dem Al Masawi Zeltmassaker, bei dem Israel ein Flüchtlingslager und angebliche humanitäre Zone bombardierte. Die Bilder der dabei entstandenen Krater sind erschütterend: zehn Meter tief tut sich der Erde auf, wo zuvor Zelte von Familien standen, die wieder und wieder aus ihren Häusern vertrieben worden waren. Überbliebende graben mit bloßen Händen Gliedmaßen aus dem Sand - mehr ist oft nicht übrig von den Menschen.
Wie soll man damit umgehen, wieder und wieder diese Gewalt vor sich zu sehen? Was macht es mit einem, das mögliche nächste Opfer der Ausüber solcher Gewalt zu sein?
Der Libanon weigert sich stur, sich zu fürchten. Ihr könnt uns die Freude nicht nehmen, sagt der Süden und zieht in Scharen an die Strände. Que sera, sera, sagt Beirut, und holt sich noch einen Kaffee. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Hauptstadt das Epizentrum der Gewalt im Bezug auf Palästina ist, sind es hier die Dörfer im Süden und in der Bekaa-Ebene im Osten, die die Gewalt zu spüren bekommen. Täglich bombardiert Israel den Libanon. Während die Tagesschau den Zuschauer*innen glauben machen will, dass es Israel ist, das unter Gewalt leidet, kamen in Wahrheit über 80% der Raketen, die die libanesisch-israelische “Grenze” überquerten, von Israel. Doch der Libanon kann laut Tagesschau wohl nicht unter Beschuss kommen.
Hat mich die deutsche Berichterstattung zynisch gemacht? Ein wenig.
Aber dieser Morgen ist zu schön, um ihn von der Tagesschau verderben zu lassen.
Was tun?
Drei vollgepackte Räume, nur einer beheizt, das Gebäude einem Kollektiv als Zwischennutzung vor dem Abriss überlassen. Wir kramen uns eng zusammen, um einem Gespräch zwischen einer palästinensischen Literaturforscherin, einem Musiker mit südafrikanischen Wurzeln und einem mit irakischen, einem geflüchteten Aktivisten und einer Holocaust- und Genozidstudienforscherin zu lauschen.
Warum trägt sogar der Studiengang, der die systematische Vernichtung von Menschen erforscht, den Namen eines speziellen Systems?
Das Gespräch dreht sich um die Zeitlichkeit der Vernichtung, wie vergangene Genozide in die Gegenwart greifen und wie die Zukunft genauso wie die Gegenwart im Bombenhagel erloschen wirkt. Der Völkermord an den Herero und Nama, den die Deutschen von 1904 bis 1907 (wie bestimmt man, wann ein Genozid vorbei ist? Wem steht diese Deutungshoheit zu?) begingen, wird oft als Probe für den Holocaust theorisiert, sagt die Forscherin. Doch was bedeutet es für unser Verständnis von der Menschlichkeit der Ermordeten im heutigen Namibia, wenn ihr Tod nur als Auftakt, als Übung für das “wahre Grauen” begriffen wird, und nicht als Grauen in sich? Wird damit ihr Tod nicht auf seine Relation zu dem Tod anderer reduziert? Ist er als eigenes Ereignis nicht von Bedeutung?
Do you think the whole world is worth the soul of one child who died for no sin?
A blink of an eye von Ali Abu Yasin, Theatermacher aus Gaza, Gaza Monologues 2023
Die Literaturforscherin spricht davon, wie sie sich an Folklore und Mythen festhält, da die andauernde Natur dieser Geschichten, die seit Jahrhunderten Zeit und Raum überbrücken, ihr in diesen Wochen Hoffnung gibt, wie sie andere Literatur nicht bieten kann. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die darauf wartet, dass ihr Teig aufgeht. Während er ruht, reist sie neun Monate in den Libanon. Bei ihrer Rückkehr ist der Teig zu ihrer Überraschung noch nicht aufgegangen, also unternimmt sie eine weitere lange Reise. Monate vergehen, doch der Teig bleibt wie er ist.
Nicht nur die zeitliche, sondern auch die örtliche Dimension dieser Geschichte wirken wie ferne Träume. Seit Jahrzehnten können sich Libanesinnen und Palästinenser nur außerhalb ihrer Heimatländer begegnen. Nur einen einzigen Palästinenser traf ich, der eine Einreisegenehmigung in den Libanon bekam. Obwohl die Völker Geschwister sind, bleibt ihnen die Nähe verwehrt.
Erinnerungen an einen anderen Abend werden wach, bei dem ein junger anstrebender Politiker sagte: “Politics is always an exercise in faith”. Eine passende Übersetzung entgleitet mir. Ist Politik eine Glaubensfrage? Eine Übung im Vertrauen? In Hoffnung? Zuversicht?
Wie finden wir in Tagen, Wochen, Monaten wie diesen Zuversicht?
Eine These und ihre Zurückweisung
Der Aktivist und Stimmen aus dem Publikum fassten einen Gedanken in Worte, was auch anderswo geäußert wird: Der Gedanke, dass wir uns gegen den Genozid in Gaza wehren müssen, weil er die Blaupause für alle weitere Gewalt sein wird, die Menschen auf aller Welt in der Zukunft befallen wird. Dem widerspreche ich.
Die Erwartung darin ist nicht falsch, sie ist im Gegenteil höchstwahrscheinlich und schon in Aktion. Wir sehen seit Jahren, wie im Gazastreifen “ausprobierte” Waffen auf dem Weltmarkt als getestete Ware verkauft wird, die dann anderswo Leben fordert. Wir wissen, dass die israelische Armee Polizisten in den USA weiterbildet. Wir wissen, dass die Gewalt gegen Palästinenser*innen als zynisches Labor der Rüstungsindustrie fungiert.
Es ist auch nicht schwer zu verstehen, wie der Umgang mit dieser Gewalt die deutsche Gesellschaft verroht. Eine Gesellschaft, Medien und Politiker, die den Menschen zu verstehen geben, dass Widerstand gegen das wahllose, massenhafte und absurd grausame Töten von Männern, Frauen und Kindern gleichzusetzen ist mit Aufrufen zur Auslöschung derer, die diese Gewalt ausüben - dass eine schützenswerte Gruppe zu ihrer Sicherheit eine andere vollständig vernichten kann - diese Gesellschaft legt den Nährboden zur Rechtfertigung jeglicher Gewalt. Wer die Gewalt in Gaza rechtfertigen kann, kann jegliche Gewalt rechtfertigen. Wer eine Gruppe so dezidiert separieren, entmenschlichen und abwerten kann, kann es mit jeder anderen Gruppe tun.
Was ich ablehne, sind nicht die Schlussfolgerungen dieser These, sondern ihre Prämisse. Die Würde der Menschen Gazas und ihr uneingeschränktes Recht auf Leben und Freiheit hängen nicht von einem potenziellen Zukunftsszenario ab. Sie hängt nicht von ihrer Auswirkung auf uns oder andere Gruppen ab. Sie ist absolut.
Die Menschen Gazas verdienen es, in Freiheit und Würde zu leben. Dafür gibt es keine weitere Qualifikationen, kein weil oder aber. Selbst in einem hypothetischen Szenario, indem alle Gewalt der Welt durch die Auslöschung Gazas ausradiert werden könnte - einen Glauben, den zumindest manche fanatische Zionisten zu pflegen scheinen - selbst dann müssten wir uns gegen diese Auslöschung stellen. Kein Zweck kann je das Mittel des Völkermords, der Vertreibung und Vernichtung heiligen.
Deswegen scheitert diese These, so sehr sie auch in guter Absicht darauf ausgelegt sein mag, eine größere emotionale Nähe zu den Geschehnissen in Palästina herzustellen.
Die Revolution braucht all ihre Kinder
Der Musiker erzählt von seiner Unfähigkeit, während des sogenannten Arabischen Frühlings in Kairo auf die Straße zu gehen. Durch seinen Pass von der Straße abgehalten, fand er sich in der Wohung eines Freundes unweit der sich entfaltenden Gewalt. Diese erzwungenen Häuslichkeit wirkte jedoch unerwartet sinnstiftend. Er erzählte, wie er für die Kameraden, die auf den Straßen kämpften, kochte, wie er lernte, ihre Augen auszuwaschen, als sie mit Pfefferspray besprüht zurück in den Schutz der Wohnung kehrten. Er sprach mit Hochachtung von den häuslichen Taten, die seit Jahrhunderten vorranging Frauen verrichten, in denen er jedoch einen Zweck und eine Freunde fand. Ist die Rolle des Kochs nicht genausoviel wert wie die derer, die Straßen blockieren? Sind sie nicht beide Revolutionäre?
Was tun?
Glaubten die Ostberliner im Oktober 1989, dass die Mauer je fallen würde? Glaubten die algerischen Revolutionäre nach fünf Jahren Bürgerkrieg, dass die französischen Kolonialisten je vertrieben werden könnten? Glaubte Nelson Mandela nach 26 Jahren Haft, dass Apartheit je fallen würde?
Wie hadern wir in diesen Zeiten mit unserer eigenen Menschlichkeit? Wie können wir tanzen, während die Bomben fallen und die Wälder brennen?
Doch was ist eine Revolution, bei der wir nicht tanzen können?1
So schwer die Last auch ist, wir können sie nicht aufgeben. Aber wir können sie kurz ablegen, durchatmen, Vertrauen schöpfen. Wir sind nicht gemacht für diesen konstanten Schmerz, der seit Monaten durch unsere Adern fließt. Wir sind aber auch nicht dafür gemacht, keinen Schmerz zu empfinden, wenn die Welt grausam ist.
Wir kämpfen. Wir kämpfen. Wir tanzen.
If I can’t dance to it, it’s not my revolution: Zitat von US-amerikanischer Anarchistin Emma Goldman
Ein Weihnachtsgruß
Heiligabend. In anderen Jahren esse ich zu dieser Zeit Kartoffelsalat (der besondere Weihnachtskartoffelsalat), staple Plätzchen zu wackeligen Türmen, und packe in letzter Sekunde Geschenke ein. Doch während ich diese Worte schreibe, droht den Christen Gazas die vollständige Ausrottung.
Israel/Palästina wird oft als religiöser Konflikt zwischen Muslimen und Juden positioniert. In der Tat sind viele Leute überrascht, wenn sie von arabischen Christen hören. Dabei sind die christlichen Gemeinden der Levante alt, sehr alt. Das historische Palästina ist die Geburtsstätte des Christentums. Und doch lebten Anfang November nur noch etwa 1000 Christen im belagerten Gazastreifen. Letzte Woche bombardierte Israel die Sankt Porphyrius Kirche in Gaza-Stadt, eine der ältesten Kirchen der Welt. Ein ältere Dame, Nahida, und ihre Tochter Samar wurden am 16. Dezember auf dem Gelände der Gemeinde der Heiligen Familie in Gaza von Soldaten der israelischen Armee erschossen. Sieben weitere Personen wurden verletzt, als sie versuchten, zu Hilfe zu eilen.
Als die Notre-Dame brannte, schrie die Welt auf. Wenn Sankt Porphyrius brennt, schweigt die Welt.
Ein Schwenk.
In Bethlehem steht die Geburtskirche, ein riesiger Bau aus grauem Stein. Das Kirchenschiff ist eher schlicht, aber der Altarraum ist prunkvoll in Gold und Silber. Hinter dem Altar kommt man eine schmale Treppe hinunter zum Laib Jesu, wie der Wächter erklärt. Eine Viertelstunde steht man an, bevor man in dem kleinen, sargförmigen Raum steht. An der Spitze ist eine Art Kamin, jedoch ohne Feuer – eine kleine Höhle in der Wand. Reisende lassen stolz Fotos machen, wie sie neben der Öffnung knien, doch schenken ihr nach dem Foto kaum Beachtung. Erklärungen zu den Stätten sucht man hier vergebens.
Bethlehem, die Geburtsstätte Jesu, ist heute durch eine acht Meter hohe Mauer und mehrere Checkpoints von Jerusalem, der heiligsten Stadt des Christentums, getrennt. Palästinensische Christen aus dem Westjordanland wird durch die Besatzung der Zugang zu ihren eigenen Kirchen verwehrt. Viele meiner christlichen Freunde aus dem Westjordanland waren noch nie in Jerusalem, weil sie eine Sondergenehmigung brauchen.
Bethlehem und Jerusalem sind nur acht Kilometer voneinander getrennt. Bethlehem und Gaza-Stadt nur 90, doch sie könnten genausogut Welten voneinander getrennt liegen.

Im Libanon wurde gestern das Kloster St. Mema in Deir Mimas von Israel bombardiert. Friedrich Merz sagt, der Weihnachtsbaum gehört zur deutschen Leitkultur, doch für die Christen der Levante hat die angeblich christliche und demokratische Union nur Vorurteile oder Schweigen übrig.
Letztens unterhielt ich mich mit zwei Freundinnen über Religion. Eine hat afrikanische Wurzeln, die andere lateinamerikanische. Alle Länder unserer Vorfahren haben Kolonialisierung durchlebt. Doch als eine Freundin sagte, unsere Gemeinden seien alle mit Gewalt ins Christentum überführt worden, fiel mir erst auf, dass das nicht stimmt. Dass die Christen der Levante zu den wenigen Gemeinden gehören, die nicht durch Zwang missioniert wurden.
Weihnachten soll die Zeit der Besinnung sein. Doch worauf besinnen wir uns, wenn nicht auf grundlegendste Menschlichkeit? Was machen wir mit dem Privileg, in Sicherheit zu leben, wenn wir es nicht dazu nutzen, die Ketten anderer zu brechen?
Jesus war ein Rebell. Er forderte die Priester heraus, warf ihre Tische um und widersetzte sich ihren Regeln.
Du sollst nicht töten, steht im Alten Testament. Und doch unterstützt das christlich-jüdische Abendland, wie es sich gerne nennt, Krieg.
Neben mir steht ein Blumenstrauß in Weihnachtsfarben, mir geschenkt von einer Muslima bei einer Demo. Sie kam einfach und drückte mir den Strauß in die Hand. Seine Blätter erinnern mich an die Zweige der Olivenbäume, wie ich sie in Jerusalem sah.
Wir erschaffen selber die Götter, die wir anbeten, sagt ein jüdischer Freund von mir.
Weihnachten ist die Zeit der Hoffnung. Die Geschichte der Geburt Jesu ist die eines Lichtblicks in der düstersten Zeit des Jahres. Die Sonne wird wieder kommen. Wärme wird wieder kommen. Freiheit wird wieder kommen.
Wir können sie noch retten
Gestern saß in der Bahn neben mir ein Mann, der seinem Gegenüber in typischern Männermanier die Welt erklärte. Ich achtete wenig auf ihn, bis ich plötzlich das Wort Palästina aufschnappte.
Der Mann erdreistete sich sogar, in meine Richtung zu weisen, ohne mich oder meine immer präsente Kufiye anzusehen, während er sich über die aktuellen Demonstrationen eschauffierte. Er erklärte hochmütig, das “diese Pali-Demonstranten” ja immerzu von ihrer Nakba “faseln” würden, aber nie darüber sprechen, dass 800 000 Juden aus Nordafrika vertrieben wurden.
Wieso trieb mich diese Aussage in die Weißglut?
Zuerst einmal verflacht und verkennt sie historische Tatsachen, zum Beispiel, dass die Jewish Agency for Palestine die Umsiedlung von Juden verschiedener arabischer Länder, von Marokko bis in den Irak, aktiv unterstützte. Allein schon deswegen ist die Frage, ob die Leute vertrieben wurden - und von wem - mit mehr Nuance zu sehen.
Zweitens wischt sie durch den Vergleich das Leid der Palästinenser*innen vom Tisch. Sie dürfen nicht über die Nakba sprechen, weil sie nicht im gleichen Atemzug von anderen Katastrophen reden? Verlangen wir das von irgendeiner anderen Gruppe? Darf man nicht über die Opfer des Hanauattentats trauern, ohne vom Breitscheidplatz zu reden? Warum wird den Palästinensern nicht ihr Schmerz gestattet?
Drittens, und wichtigstens, weil diese Argumentationsweise in so vielen (pseudo)intellektuellen Debatten auftaucht. Wer über Fragen von wer hat angefangen und Geschichte und Recht undsoweiter übersehen:
Die Menschen in Gaza leben noch.
Die Menschen in Gaza leben noch.
DIE MENSCHEN IN GAZA LEBEN NOCH.
Unrecht an arabischen Juden in den 50ern Jahren ist unrecht. Es hätte nicht geschehen sollen.
Der Tod der am 7. Oktober verstorbenen israelischen Zivilisten ist unrecht. Sie hätten nicht sterben dürfen, ob durch Hamas oder durch israelisches Feuer.
Der Tod der bisher im Gazastreifen verstorbenen Zivilisten ist unrecht. Sie hätten nicht bombardiert, ausgehungert, von Wasser abgeschnitten, überfahren, und erschossen werden dürfen.
Aber nur eins dieser Unrechte hält noch an, mit vollster Unterstützung Deutschlands.
Im Gazastreifen sterben noch Menschen. Jeden Tag sterben hunderte Menschen.
Warum also wollen Pseudo-Intellektuelle das Gespräch davon ablenken und stattdessen über Geschichte reden? Warum dreht sich das Gespräch häufiger um zukünftige Sicherheitsperspektiven Israels anstatt um die noch lebenden, noch zu rettenden palästinensischen Zivilisten, die jeden Tag durch israelische Angriffe getötet werden?
Versteht ihr, was das bedeutet? Hunderte Zivilisten jeden Tag. Hunderte! Und hier wissen Leute nicht, ob sie für einen Waffenstillstand stehen können?
Annalena Baerbock sagte sinngemäß: “Waffenstillstand bringt keinen Frieden."
Waffenstillstand allein nicht. Gerechtigkeit bringt Frieden. Am sechsten Oktober gab es keinen Frieden, weil es keine Gerechtigkeit gab. Aber ein Waffenstillstand ist der unbedingt notwendige erste Schritt. Unbehinderter Zugang humanitärer Hilfe zum Gazastreifen heute rettet morgen Leben. Und das, wie auch Mascha Gessen sagt, ist der Unterschied zwischen den Opfern von damals und denen von heute:
Die von heute leben noch. Wir können sie noch retten.
Freedom - Jenin
Jenin, Jenin. So lautet ein Film des Schauspielers Muhammed Bakri. Um diesen Film zu drehen, musste er sich in das Flüchtlingslager Jenin hineinschleichen. Während der Invasion 2002 verbot die israelische Armee Journalisten und Menschenrechtsorganisationen, das Camp zu betreten.
Noch heute sind die Überwachungskameras das Erste, was die Armee bei Invasionen in die Flüchtlingslager ausschaltet.

Ich besuchte das Flüchtlingslager Jenin diesen Sommer, genau gesagt das Freedom Theatre im Lager. Der künstlerische Leiter Ahmed Tobasi erzählte fast zwei Stunden von seiner Arbeit, von der Geschichte des Theaters, welches vom israelisch-palästinensischen Künstler Juliano Mer Khamis gegründet wurde. Juliano verdient seinen ganz eigenen Text. Er war ein revolutionärer Künstler und wurde 2011 auf offener Straße vor dem Theater erschossen. Als Sohn einer jüdisch-israelischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, beide politische Aktivisten, war Juliano der israelischen Regierung lange ein Dorn im Auge. Obwohl sie eines der besten Geheimdienste der Welt hat und Juliano jüdisch-israelischer Staatsbürger war, ist sein Mörder nie gefunden worden.
Tobasi, wie er nur genannt wird, sagte vieles, was auch auf großen Bühnen Wellen geschlagen hätte. Er sprach von der Macht der Kunst als Mittel des Widerstands, davon, wie er die Geschichte seines Volkes erzählen muss, davon, wie das Theater für die Kinder des Camps ein Refugium ist, oft das einzige. Er erzählte von einem Jungen, einer der begabtesten Köpfe der Schauspielschule. Siebzehn war er und kurz vor dem Abschluss. Er wollte der palästinensische Romeo werden, ein großer Schauspieler. Eines Tages stürmte die israelische Armee, wie so oft, das Camp und erschoss ein Kind. Sie starb in seinen Armen.
Er erholte sich nie davon. Nach ihrem Tod ging er in den bewaffneten Widerstand. Aus Romeo wurde ein Guerillakämpfer.
Ein weiteres blieb mir in Erinnerung. Tobasi sagte zu der Behauptung, Palästinenser wollen jüdische Israelis aus dem Land treiben: „Wir können uns doch nicht selbst ins Meer schmeißen.“
Trotz aller Ungerechtigkeit sprach er von allen als wir.

Jenin ist eine fast ausschließlich muslimische Stadt. Tobasi pries den christlichen Laden im nächsten Dorf – der einzige, der Alkohol verkaufte. Gott sei Dank für die Christen!
Tobasi wurde heute von der israelischen Armee verhaftet. Ebenso wurde der Leiter des Freedom Theatre, Mustafa Sheta, und Tobasis Bruder Mohammed verhaftet. Mohammed ist inzwischen wieder frei, doch Mustafa und Tobasi befinden sich noch in israelischer Gefangenschaft.
Depechen, 12.12.
Ich klicke durch Fotos vom Westjordanland und ich fürchte mit jedem neuen Gesicht, dass es meinen Freunden gehört. Ich erkenne Orte wieder – Ramallah, Hebron, Nablus. Läden, an denen ich jeden Tag vorbeilief.
Wieder keinen Bekannten gesehen. Soll ich mich freuen, dass ihre Gesichter (noch) nicht zu den Toten zählen? Soll ich mich fürchten, weil ihre Gesichter nicht unter den Lebenden sind?
Wie oft kann ich ihnen schreiben? Was soll man noch sagen, nach zwei Monaten und 75 Jahren?
Hi. Lebst du noch? Kann man noch leben wenn man zusieht wie das eigene Volk ausgelöscht wird?
Ein Freund aus Bethlehem sagte: In der West Bank sitzt du zuhause oder du stirbst.
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Unter dem Instagrampost eines Bekannten, indem er zu einem sofortigen Waffenstillstand aufruft, fragt jemand giftig, warum er nicht stattdessen die Freilassung der Geiseln fordere. Wo sind wir angekommen, dass das ein Widerspruch darstellt und nicht eine notwendige Verbindung? Wo sind wir angekommen, dass der Ruf nach Waffenstillstand solch starken negativen Reaktionen auslöst?
Waffenstillstand. Jetzt. Ein Ende der Bomben. Jetzt.
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Ich weiß nicht, ob die Schweigenden verstehen, was gerade passiert. Sehen sie nicht die Gefahr darin, wie unser alle Rechte ausgehöhlt werden?
Habt ihr alle nicht aufgepasst im Geschichtsunterricht?
Ich verstand nie, wie alles passieren konnte. Sklavenhandel. Kolonisierung. Der Holocaust.
Ich sehe mich um und ich verstehe. Ich verstehe, wenn ich in Augen schaue, die mir einen Flyer zurückgeben, nachdem sie sehen, dass er von Gaza handelt. Ich verstehe, wenn ich Leute auf dem Weihnachtsmarkt unbekümmert Glühwein trinken sehe. Ich verstehe, wenn ich die Nachrichten lese, die so einseitig und entmenschlichend sind, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, sie zu kritisieren.
Ich verstehe.
Ich verstehe.
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Gestern half ich den Grieving Doves. Sie bauen große Flügel, die die Namen der Getöteten als Federn tragen.
Sechs Paar Flügel sind es inzwischen, lang wie eine Armspanne und groß wie ein Mensch.
Sie sind noch nicht mal mit einem Sechstel der inzwischen über 18 000 Getöteten bestückt. Wann können wir schneller schreiben als sie töten?
Ich fand den Namen meines Bruders. Eines Onkels. Eines Freundes. Meinen eigenen.
Auf meinem Blatt waren zwei Brüder, zehn und elf Jahre alt. Arabische Familien erkennt man gut, da die Namen der Väter mit genannt werden.
Wo ist der Vater dieser Brüder? Wo ist ihre Mutter? Wenn ich weiter gesucht hätte, hätte ich noch mehr Geschwister gefunden? Oder sind sie alleine zurückgelassen, in einer Welt ohne ihre Brüder?
Mein erstes Hanukka
Ich half gestern auf einer Hanukkaveranstaltung eines antizionistischen jüdischen Bündnisses, also einer jüdischen Gruppe, die die Politik Israels ablehnt. Es wurde Russisch gesprochen, Englisch, Arabisch, Hebräisch, Deutsch. Kinder und Erwachsene trugen Wassermelonenkippa und Kuffiye. Ich verkaufte knusprig frittierte Latkes, sahnebedeckte Kuchen und heiße Suppe. An der Tür wurde eine Dreidel gedreht, um die Höhe der Eintrittsspende zu erlosen. In einem Moment beauftragte mich ein Freund, als goy die Tür zu übernehmen, da sie die Hanukkakerzen anzünden mussten.
Ich wusste nie, wovon Hanukka handelt. Ich hatte nie eine Hanukkaveranstaltung besucht. Ich weiß noch nicht einmal, ob es in meiner Heimatstadt eine Synagoge gibt.
Eine kurze Recherche lehrt mich, dass es eine gab, die von den Nazis in Brand gesteckt wurde. Ein paar Jahrzehnte vorher war sie unter Aufsicht des Kirchenbauinspektors erweitert worden. Früher waren wir uns näher.
Gebannt sah der Raum zu, wie die neun Kerzen angezündet und in die Menora gesteckt wurden – eine mehr als die üblichen acht, eine Tradition erwachsen aus den jüdischen Gemeinschaften der Levante in Erinnerung an die sephardischen Juden, die im Mittelalter aus dem heutigen Spanien und Portugal vertrieben und in Syrien und der Levante aufgenommen wurden. Heute brannte die neunte Kerze für Palästina.
Im Hintergrund spielten Videos, auf denen die Polizei im Matsch Lützeraths strauchelten, ein Schwarzer Rabbi mit Breakdancern im Hintergrund rappte und ein Mann mit Schäferlocken im schönsten Spaghettiwesternstil einen Nazi in seiner eigenen Bar zur Niederlage zwang.
Wir tranken Glühwein und Bier, Punsch und Wasser, während draußen ein Bild-Reporter Unwahrheiten über Anfeindungen während einer Demo verbreitete. Ich unterhielt mich lange mit einer neuen Bekannten und einem alten Freund, über Familiengeschichte, Träume, und Physik. Wir tanzten zu A-WA, einer Band dreier jüdischer jemenitischer Schwestern, bevor wir erschöpft aber glücklich in die noch regenklammen Jacken schlüpften. Als ich dem letzten Bus hinterherwinkte, fiel mir auf, dass sich gerade ein Jude, ein Christ und ein Muslim in den Abend verabschiedet hatten. Wir kommen uns näher, je mehr man uns trennen will.
Rachel's Tomb - ein Beispiel eines Raubes
Lasst mich euch die Geschichte von Rachel’s Tomb, zu Deutsch Rahels Grab, erzählen.
Ich werde euch normalerweise nicht mit religiösen Fragen belasten, da die Situation in Palästina/Israel nur sehr wenig mit wirklicher Religion zu tun hat, aber heute muss es mal sein.
Rachel’s Tomb liegt in Bethlehem. Es ist eine Moschee, zu Zeiten des Osmanischen Reichs erbaut, die angeblich das Grab der Matriarchin Rahel beheimatet. Da alle drei heiligen Bücher keine historisch verlässlichen Texte darstellen, kann daran gezweifelt werden, dass dort wirklich eine Ahnin der Bücher begraben liegt. Wie dem auch sei, die Moschee ist auf dem Gelände eines alten christlichen und muslimischen Friedhofs. Jahrhundertelang pilgerten Muslime, Christen und Juden gleichermaßen zu Rachel’s Tomb.
Wie ihr sicher wisst, ist das Judentum die älteste der drei abrahamischen Religionen. Danach kam das Christentum und sechshundert Jahre später der Islam. Die drei Religionen teilen viel in ihrem Glauben - Propheten, Geschichten, im Falle Christentum/Judentum sogar ganze Bücher. Alle diese Gemeinsamkeiten gehen auf das Judentum zurück, da sie die älteste der drei Religionen ist.
Rachel’s Tomb ist Teil von Bethlehem, einer Stadt, die sowohl im UN Teilungsplan von 1947 sowie in der Green Line von 1967 als Teil von Palästina bestimmt wurde, und vorher natürlich sowieso. Rachel’s Tomb liegt nach allen Friedensplänen in Palästina.
Aber was tat Israel? Sie erklärten, dass Rachel’s Tomb als heiligen Stätte des Judentums unter ihrer Obhut liegen müsse. Dass es ebenso eine heilige Stätte des Islam und des Christentums ist, wischten sie beiseite - die beiden Religionen gehen ja auf das Judentum zurück, also gilt nur ihr Anspruch, obwohl die Moschee als genau das erbaut wurde und integraler Teil der muslimischen Gemeinde Bethlehems war. Sie beschlagnahmten die Moschee sowie das Gelände davor und begannen mit dem Bau einer massive Mauer direkt außenrum, angeblich um ihre Bürger*innen zu schützen.
Kennt ihr die Bilder der bis zu acht Meter hohen Mauer mit Graffitti drauf?
Dahinter versteckt liegt Rachel’s Tomb.
Diese Mauer verläuft direkt durch palästinensisches Gebiet. Sie trennt nicht israelisches Gebiet von palästinensischem entlang irgendwelcher anerkannten Grenzen, sondern schneidet mitten hinein in palästinensische Städte.
Die Straße, die auf dem ersten Bild zu sehen ist, war die Haupthandelsstraße zwischen Bethlehem und Ramallah und Jenin im Norden. Die Straße verlief durch Jerusalem - natürlich verlief sie durch Jerusalem. Wo würde sie denn sonst verlaufen. Jerusalem liegt genau zwischen Bethlehem und Ramallah.
Diese Straße wird durch die Mauer abrupt abgeschnitten. Man fährt eine breite, vierspurige Straße hinunter und plötzlich steht man vor Beton.
Um zu Rachel’s Tomb zu gelangen, müssten Palästinenser*innen eine israelische Genehmigung erbitten und gestattet bekommen (passiert selten), durch den Checkpoint Richtung Jerusalem passieren und dann wieder zurück durch einen weiteren Checkpoint, auf dem Rückweg dasselbe. Vier militärische Checkpoints, um zu ihrer eigenen heiligen Stätte zu gelangen.
Die Mauer ist nach internationalem Recht illegal. Israel wurde schon 2002 aufgefordert, den Bau sofort zu stoppen und existierende Mauerteile abzureißen. Stattdessen geht der Bau weiter.
So wie es Rachel’s Tomb ergangen ist, kann es theoretisch jeder heiligen Stätte des palästinensischen Christentums oder Islam gehen. Die ehemals lebendige Moschee mit Pilgern aller drei abrahamitischen Religionen liegt nun von drei Seiten von einer massiven Betonmauer eingezäunt, abgeschnitten von der Welt. Sogar für ausländische Touristen ist es schwer, sie zu besuchen.
Die endgültige Abriegelung von Rachel’s Tomb für Palästinenser*innen erfolgte 2016 mit dem Bau der Mauer, zwei Monate nachdem die UNESCO es als “integralen Teil Palästinas” bestätigt hatte und ganze vierzehn Jahre nachdem die UN Israel dazu aufforderte, den Mauerbau sofort einzustellen.
Rachel’s Tomb ist ein Paradebeispiel, aber bei weitem nicht das einzige.
Über Gesundheit
Ich habe eine Schilddrüsenunterfunktion. Das ist eine sehr gut behandelbare chronische Krankheit, eine normalerweise überhaupt keine Probleme macht - solange man die Tabletten regelmäßig nimmt.
Ich musste bei dieser Nachricht an die Zeiten zurückdenken, an denen ich keine Tabletten zur Verfügung hatte. Zuletzt vor ein paar Monaten. Sie waren mir ausgegangen, ich war verreist, bestimmt keine große Sache, die paar Tage zu warten, richtig?
Falsch.
Der erste Tag ging gut.
Am zweiten Tag wurde mir bei jedem Aufstehen schwarz vor Augen. Nach fünf Minuten Laufen musste ich mich hinsetzen. Den Großteil des Tages verbrachte ich schlicht damit, mit geschlossenen Augen in der Sonne zu liegen.
Zum Glück konnte ich einen naheliegenden Arzt überzeugen, mir ein Notfallrezept auszustellen. Meine völlige Abgeschlagenheit war also nach zwei Tagen wieder vorbei. Aber wie sich mein Zustand verschlimmert hätte, wenn ich keinen Zugang zu Medikamenten gehabt hätte - ihr hättet mich innerhalb weniger Tage von der Bordsteinkante kratzen können.
In Deutschland leiden etwa fünf Prozent der Bevölkerung an einer Schilddrüsenunterfunktion. In Gaza sind es weit weniger, weil die Krankheit vor allem ältere Menschen betrifft, und davon gibt es im Gazastreifen wesentlich weniger als in Deutschland. Doch das Problem der mangelnden Medikamente geht alle chronisch Kranken an. Diabetiker berichten, sie müssen seit nunmehr zwei Monaten ihr Insulin rationieren. Dialysepatienten können nicht behandelt werden, weil Dialysegeräte von Stromzufuhr abhängig sind.
Nach nur zwei Tagen konnte ich mich kaum von A nach B schleppen, weil mein Körper schlicht nicht die notwendigen Hormone hatte. Wie geht es denjenigen, die seit Wochen und Wochen keinen Zugang mehr haben?
































